Von ein­sa­men Men­schen und sol­chen, die es ger­ne sind

Ulmer Denkanstöße 2019: "Einsamkeit - Isolation und Freiraum"

Einsamkeit kann Fluch oder Segen sein. Für den einen bedeutet sie schmerzhafte Isolation und Abgeschiedenheit, dem anderen ist sie ein wertvoller Freiraum zu Selbstentfaltung, Naturerlebnis und Gotteserfahrung. So ist die Einsamkeit des Klosters und der Wanderschaft eine andere als die der Gefängniszelle, des Alters und der Armut. Diesen vielfältigen Facetten des selbstgewählten und unfreiwilligen Alleinseins widmete sich die 12. Auflage der Ulmer Denkanstöße.

Schon eine Stunde vor Beginn der Eröffnungsveranstaltung herrscht dichtes Gedränge im Ulmer Stadthaus: Die Menschen reden miteinander, viele sind zu zweit oder in kleinen Gruppen gekommen. Augenscheinlich ist hier niemand einsam, und doch ist es die Einsamkeit, die die Besucher Mitte März in Scharen zum offiziellen Auftakt der Ulmer Denkanstöße treibt. Die Veranstalter – das Humboldt-Studienzentrum der Universität Ulm (HSZ), die Kulturabteilung der Stadt Ulm und die Stiftung Kunst & Kultur der Sparda-Bank Baden-Württemberg – haben damit wieder einmal bewiesen, wie nah sie mit ihrer Themenwahl am Puls der Gesellschaft sind. Viele Besucher mussten das Geschehen vom Foyer aus über die Leinwand verfolgen, weil der Hauptsaal bereits sehr früh schon voll besetzt war. Höhepunkt zum Auftakt der Ulmer Denkanstöße: der Vortrag von Professor Hartmut Rosa, der ein Glanzbeispiel dafür lieferte, wie kurzweilig, ergiebig und anregend die soziologisch-philosophische Weltbetrachtung sein kann.

Die Anspannung ist weg, die Freude über den höchst gelungenen Auftakt-Vortrag groß. Der Jenaer Soziologe Prof. Hartmut Rosa (2.v.r.) gemeinsam mit der Philosophieprofessorin Renate Breuninger (ganz links) sowie mit Vizepräsident Prof. Joachim Ankerhold (2.v.l.) und dem Humboldtgastprofessor David Espinet (rechts).

Der Jenaer Soziologe und Politikwissenschaftler gehört zu den begabtesten deutschen Wissenschaftlern unserer Zeit, wie die Philosophie-Professorin und HSZ-Geschäftsführerin Professorin Renate Breuninger den Ehrengast am Donnerstagabend vorstellte. Hartmut Rosa, Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, gilt als Verfechter des klaren Wortes und einer verständlichen Sprache. Und er ist ein streitbarer Geist, der nicht nur die Auseinandersetzung mit Autoritäten sucht – wie 2015 beim Kirchentag mit Bundespräsident Joachim Gauck bei der Diskussion zur Frage „Gutes Leben, kluges Leben“. Hartmut Rosa stürzt sich auch gerne vom akademischen Elfenbeinturm aus ins Getümmel. Dieser persönliche Drang ist für ihn zugleich wissenschaftliches Arbeitsprinzip: „Man muss die Wissenschaft mit den Alltagserfahrungen der Menschen konfrontieren“. Ihn interessiert der einsame Student genauso wie die Enttäuschung des Wutbürgers. Den Schlüssel zu Glück und Zufriedenheit sieht der Soziologe in einer resonanten Weltbeziehung. Er übernimmt den Begriff der Resonanz aus der Physik und beschreibt damit die Mensch-Welt-Beziehung als ein schwingendes System, in dem sich beide Seiten wechselseitig anregen.

„Die Gesellschaft braucht mehr Resonanzräume. Dann gibt es auch weniger Wutbürger“, glaubt der vielfach ausgezeichnete Wissenschaftler, der unter anderem Träger des Erich-Fromm-Preises und des Paul Watzlawick Ehrenringes ist und mit dem Tractatus-Preis für philosophische Essayistik geehrt wurde. Einsamkeit ist für Rosa eine Frage der Weltbeziehung. Der Resonanzverlust geht seiner Meinung nach einher mit einer starken Entfremdungserfahrung, mit dem Gefühl, abgekoppelt zu sein von der Welt. „Dieses Gefühl kennen auch junge Menschen, darunter viele Studierende. Eigentlich haben sie viele Kontakte, und doch oft das Gefühl, allein zurechtkommen zu müssen und keinen Platz in der großen Welt zu haben“, sagte Rosa. Gerade auf Partys könne dieses Gefühl des Unverbunden-Seins besonders stark und deprimierend sein.

Prof. Hartmut Rosa hielt den Eröffnungsvortrag

Die Gesellschaft braucht mehr Resonanzräume. Dann gibt es auch weniger Wutbürger

Für den Jenaer Soziologen gibt es zwei Formen der Einsamkeit: eine positiv konnotierte wie die „Waldeinsamkeit“, die gekennzeichnet ist durch die Bezugnahme auf die Welt. Inneres und Äußeres sind darüber miteinander verbunden. Eine andere Form der Einsamkeit ist in seinen Augen das gefühlte Abgetrennt-Sein von der Welt, die soziale Isolation. Die negativ konnotierte Variante sei hingegen charakterisiert durch eine „Beziehung der Beziehungslosigkeit“, die Entfremdungsgefühle hervorruft und unglücklich macht. „Um mit der Welt in Beziehung treten zu können, braucht es Offenheit und Spontanität“, so der Wissenschaftler. Der heutige Mensch glaubt, sich alles verfügbar machen zu können – selbst Gefühle und zwischenmenschliche Beziehungen. Dies sei ein Trugschluss, warnt Rosa, der als Referent selbst ein professioneller Beziehungsarbeiter ist. So sucht Hartmut Rosa oft den Augenkontakt mit seinem Publikum, und er weiß genau, wie er seinen vollkommen frei gehaltenen Vortrag gestalten und formulieren muss, damit Argumente und Gedanken bei den Menschen ankommen.

Spendenscheck für Ulmer Vesperkirche

Dass die Ulmer Denkanstöße beim Publikum auf große Resonanz stießen, zeigte sich auch bei der Übergabe des Spendenschecks zum Abschluss der Veranstaltung. So erhielt die Ulmer Vesperkirche für ihre Arbeit 10 000 Euro. Der ursprüngliche von Besucherinnen und Besuchern gespendete Betrag wurde von der Sparda-Bank Baden- Württemberg wie in den letzten Jahren wieder verdoppelt. Im Bild überreicht Cathrin Clausnitzer, Leiterin der Sparda-Filiale Ulm, (3. v.l.) den Spendenscheck an den geschäftsführenden Pfarrer der Vesperkirche Peter Heiter (2. v.r.).

Zur Verfügbarkeit – neben der Beschleunigung und der Resonanz ist dies das dritte große Thema seines wissenschaftlichen Wirkens –, zitiert Hartmut Rosa den amerikanischen Filmregisseur, Schauspieler und Autor Woody Allen. So erzählt der Gastredner nach Allen die Geschichte eines Mannes, der seine Frau für ihre schönen Gedanken liebt und sich vom attraktiven Körper seiner Nachbarin angezogen fühlt. Dann trifft er ein Zauberwesen und hat einen Wunsch frei. Er wünscht sich den Geist seiner Frau im Körper seiner Nachbarin. Der Wunsch geht in Erfüllung, doch schnell verliert der Mann sein Interesse an dieser Frau, und sein Begehren erlischt. „Die Verfügbarkeit ist der Tod des ‚lodernden‘ Begehrens und des brennenden Verlangens“, erklärt der Redner und zitiert Beobachter, die das post-emotionale und post-sexuelle Zeitalter bereits hereinbrechen sehen. Rosas These: Je verfügbarer sich der Mensch der Moderne die Welt macht, desto unerreichbarer wird für ihn das, was er sich ersehne: „Frustration und Depression sind die Folge, weil das Leben nicht hält, was es verspricht.“

Video Denkanstöße

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Hartmut Rosa ist ein vehementer Kritiker des Kapitalismus. „Heute muss alles schneller, effizienter und billiger sein!“, bezieht er sich auf das ökonomische Primat in Zeiten der dynamischen Stabilisierung. Damit alles so bleiben könne wie es ist, müsse jeder einen Zahn zulegen. „Daher befinden wir uns fortwährend im Alltagsbewältigungs-Verzweiflungs-Modus“, so Rosa. Für so etwas wie Gespräche am Gartenzaun ist schon lange keine Zeit mehr. Dafür hält der Alltag jede Menge „Aggressionspunkte“ bereit. Der Mensch müsse rund um die Uhr funktionieren und dürfe sich der Welt nicht mehr öffnen. Diese gestörte Weltbeziehung ist nach Rosas Einschätzung ein wesentlicher Grund dafür, dass sich so viele Menschen einsam fühlen. Mit dem Konzept der (fehlenden) Resonanz erklärt der Gesellschaftsforscher außerdem das Auftreten deutscher Wutbürger und französischer Gelbwesten. Der Mensch – so wie er ist und sein möchte – findet heute keinen Anklang und Widerhall seiner selbst in der Gesellschaft. Stattdessen sieht er sich konfrontiert mit ständigen Leistungsanforderungen und uneinlösbaren Werbeversprechen. Statt um romantische Anverwandlung, geht es in der heutigen Zeit darum, sich die Welt anzueignen, sie zu vermessen, zu optimieren und zu unterwerfen. Der moderne Mensch sei nicht mehr in der Lage, eine gelungene Resonanzbeziehung zu seiner Umwelt aufzubauen. Doch das lasse sich ändern! Dafür brauche es Offenheit, Spontanität und Gelassenheit; man könne ja auch einfach mal was auf sich zukommen lassen. „Wir müssen wieder lernen, uns von der Welt berühren zu lassen und damit aufhören, uns alles erzwingen zu wollen“, rät Rosa. Wie groß die Resonanz seiner Worte im Publikum ist, hört man zum Schluss am Applaus: dieser ist laut und lang anhaltend.

Text: Andrea Weber-Tuckermann

Fotos: unsplash/joshua-earle-448, Volkmar Könnecke, Andrea Weber-Tuckermann

Video: kultur in ulm

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