250 Jahre
Alexander von Humboldt

ZAWiW-Herbstakademie auf den Spuren des großen Naturforschers

Im Jahr seines 250. Geburtstags kommt man kaum an Alexander von Humboldt vorbei. Und auch das Zentrum für Allgemeine Wissenschaftliche Weiterbildung (ZAWiW) hat „Humboldts Erbe“ in den Mittelpunkt der diesjährigen Herbstakademie gestellt. Erstmals ist die Weiterbildungswoche gemeinsam mit dem Botanischen Garten organisiert worden. Dank dieser Kooperation konnten die Teilnehmenden neben Vorträgen und Workshops tropische Pflanzenwelten in den Gewächshäusern erkunden und sich fast wie der berühmte Naturforscher bei seiner Südamerika-Expedition fühlen.

Alexander von Humboldt war ein Grenzgänger zwischen den Disziplinen: Er gilt als Ökologe, Klimaforscher und Mitbegründer der Geographie. Legendär sind seine Forschungsreisen in Lateinamerika: Humboldt durchquerte den unberührten Dschungel, er zeichnete nie gesehene Tiere und trank Pfeilgift im Selbstversuch. Gemeinsam mit seinem Reisegefährten Aimé Bonpland wurde er nicht müde, Pflanzen- oder etwa Gesteinsproben zu sammeln, und die damals modernsten Messinstrumente einzusetzen. Weniger bekannt sind Alexander von Humboldts Russlandreise und seine politischen wie publizistischen Aktivitäten, die ebenfalls bei der Herbstakademie beleuchtet wurden. Angesichts der großen globalen Herausforderungen sind viele Gedanken des „zweiten Kolumbus“ heute wieder aktuell: Alexander von Humboldt zeichnete sich durch seinen ökologischen Blick auf die Natur sowie durch sein ganzheitliches Erkenntnisinteresse aus. Ganz im Sinne der Aufklärung ließ er die Öffentlichkeit durch Vorträge und Reisereportagen an seinem Wissen teilhaben.

Die drei Lebensabschnitte Humboldts

Alexander von Humboldt

Für Manfred Geier, Humboldt-Biograph und ehemaliger Germanistikprofessor, Grund genug, den 250. Geburtstag des Naturforschers zu feiern. In seinem Eröffnungsvortrag zur diesjährigen ZAWiW-Herbstakademie teilte er Alexander von Humboldts Leben in drei, etwa gleich lange Abschnitte ein. Die Lebensreise des kleinen Alexanders beginnt am 14. September 1769 in Berlin, wo er „nur auf den ersten Blick in eine glückliche Familie hineingeboren wird.“ Auf Schloss Tegel wurden Alexander und sein älterer Bruder Wilhelm ohne großen Kontakt zu Gleichaltrigen von Hauslehrern erzogen. Der Vater verstirbt früh und die Mutter – eine aus Frankreich geflohene Hugenottin – wird als gefühlskalt beschrieben. Während sich Wilhelm in die Welt der Bücher stürzt, entdeckt Alexander früh sein Interesse an der Natur: „Er sammelt Schneckenhäuser, legt Herbarien an und stromert durch den Weinberg der Familie“, beschrieb Geier. Sein Wissensdrang treibt den jungen Mann zum Studium nach Frankfurt/Oder und Göttingen, wo er sich zunächst etwas ziellos der Botanik, Mineralogie und Anatomie widmet. Als Schlüsselereignis dieser ersten Lebensphase macht Manfred Geier eine Szene am Nordseestrand von Ostende aus: Der 20-jährige Alexander von Humboldt befindet sich mit dem weltgewandten Wissenschaftler Georg Forster auf einer Forschungsreise, als er zum ersten Mal das Meer sieht – und in Tränen ausbricht. „Die Reise hat Alexander von Humboldt beeindruckt und ihm eine Perspektive für sein Leben eröffnet. Er weint nicht aus Schwermut, sondern aus Sehnsucht“, so Geier. Ab diesem Zeitpunkt richtet der junge Mann sein Studium planvoll auf eine künftige Expedition aus: Er forscht „als Bergmann“ unter Tage und startet seine naturwissenschaftlichen Versuche zur Elektrizität und chemischen Reaktionen – nicht selten am eigenen Körper.

Für den Biographen Geier markiert der Tod der Mutter den zweiten Lebensabschnitt des Naturforschers. „Sie war tot, sie hat mir Geld hinterlassen, sie ermöglichte mir meine Reisen“, soll Alexander von Humboldt, der damals im Staatsdienst arbeitet, ganz unsentimental notiert
haben. Über Spanien und Teneriffa reiste er 1799 nach Lateinamerika, denn dort glaubte er, die Natur in ihrer größten Fülle anzutreffen. In einer Piroge befuhr Alexander von Humboldt Ströme wie den Orinoco, er setzte nach Kuba über und erreichte über Kolumbien die Anden, wo er sich an die Besteigung des Schneevulkans Chimborazo machte – den damals höchsten bekannten Berg der Welt. Die Reisegruppe schaffte es bis auf 5600 Meter und hätte den gefährlichen Aufstieg fast mit dem Leben bezahlt: In schwindelerregender Höhe lief ihnen als Symptom der Höhenkrankheit Blut aus ihren Mündern. Doch solche Grenzerfahrungen brachten Humboldt nicht von seinen Abenteuern ab: Auf der Schiffsreise nach Mexiko entdeckte er die nach ihm benannte Meeresströmung und er gelangte in die USA, wo er Präsident Thomas Jefferson traf. Mit unzähligen Proben und Aufzeichnungen kehrte Alexander von Humboldt 1804 nach Europa zurück. In der Weltmetropole Paris ordnet er seine Fundstücke und brachte seine Erkenntnisse zu Papier.

Alexander von Humboldt (links) und Aimé Bonpland bei ihrer Südamerika-Expedition
Alexander von Humboldt (links) und Aimé Bonpland bei ihrer Südamerika-Expedition
Alexander von Humboldt

Nur widerwillig ließ sich der Naturforscher mehr als 20 Jahre später erneut in seiner Heimatstadt Berlin nieder, wo laut Geier seine dritte Lebensphase beginnt. Zu dieser Zeit ist Alexander von Humboldt dank Veröffentlichungen wie „Ansichten der Natur“ bereits weltberühmt und seine öffentlichen Vorträge sind oft voll besetzt. Bis zuletzt arbeitet der Forscher an seinem Monumentalwerk „Kosmos“, das jedoch unvollendet bleiben soll. Alexander von Humboldt stirbt 1859 als berühmter Abenteurer, doch seine umfassende, interdisziplinäre Naturforschung gerät schnell in Vergessenheit. Der Biograph Manfred Geier erklärt dies unter anderem mit dem Trend zur wissenschaftlichen Spezialisierung, dem Humboldts ganzheitliches Denken entgegensteht, sowie mit seinem „populärwissenschaftlichen“ Schreibstil. „Zudem wurden umfangreiche Forschungsreisen schon bald durch Laborarbeit ersetzt.“

Humboldt als Publizist

Mit dem wissenschaftlichen Werk Alexander von Humboldts sind auch zahlreiche politische Stellungnahmen und publizistische Beiträge aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Dabei war der Naturforscher ein eifriger Schreiber: „Zwischen 1789 und 1859 hat Humboldt rund 750 Texte aus 30 Disziplinen veröffentlicht“, erklärte Thomas Nehrlich bei der Herbstakademie. Der Literaturwissenschaftler ist Mitherausgeber der „Berner Ausgabe“ („Alexander von Humboldts sämtliche Schriften“), in der Humboldts „unselbstständig erschienene“ und oft in Vergessenheit geratene Werke in sieben Text- und drei Kommentarbänden gesammelt sind.

Hinter den Forschenden um Nehrlich liegt eine wahre Mammutaufgabe: Sie haben Briefausgaben ausgewertet, Datenbanken nach bislang unbekannten Beiträgen durchforstet und über 1000 Zeitschriften überprüft, in denen Alexander von Humboldt veröffentlicht hat. Dazu erledigten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler viele Übersetzungsarbeiten, denn der Naturforscher publizierte in 15 Sprachen. Von vielen Abdrucken seiner Reiseberichte oder Briefe dürfte Humboldt selbst nichts gewusst haben: „Seine Texte haben für ihn eine Weltreise unternommen“, so Thomas Nehrlich.

Insgesamt haben sich die Forschenden bemüht, jeden der gefundenen Beiträge möglichst originalgetreu wiederzugeben – inklusive der oft kunstvollen Originalzeichnungen und Abbildungen – etwa zur tropischen Vegetation.

Die sieben Textbände verdeutlichen einmal mehr die äußerst breit gestreuten Interessen Humboldts. Neben der Naturforschung engagierte er sich für Menschenrechte und gegen Sklaverei, er mischte im US-Wahlkampf mit und pflegte einen lebenslangen Austausch mit dem Dichterfürsten Goethe, der sich sogar im Faust II niederschlug. Was sein disziplinübergreifendes Denken angeht, ist Alexander von Humboldt also tatsächlich aktueller denn je und er passt perfekt zur Herbstakademie, wo die Fächergrenzen verschwimmen und sich die Teilnehmenden ganz ihrem Wissensdrang hingeben können – sei es im Hörsaal, im Botanischen Garten oder beim Kulturprogramm.

"Berner Ausgabe" Humboldts "unselbständig erschienener" und oft in Vergessenheit geratener Werke in sieben Text- und drei Kommentarbänden
"Berner Ausgabe", in der Humboldts "unselbstständig erschienene" und oft in Vergessenheit geratene Werke in sieben Text- und drei Kommentarbänden gesammelt sind

Text: Annika Bingmann

Zeichnungen: Alexander von Humboldt: „Memoir on a new Species of Monkey found in the eastern Declivity of the Andes“, in: ders.: Sämtliche Schriften (Aufsätze, Artikel, Essays). Berner Ausgabe. 7 Textbände und 3 Ergänzungsbände. Herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich. München: dtv 2019, Band II, S. 448–451.

Fotos: Wikimedia Commons: Julius Schrader, Eduard Ender, Friedrich Georg Weitsch