UUlm – Nachrichten https://www.uni-ulm.de Nachrichten der Universität Ulm de Universität Ulm Tue, 30 Nov 2021 17:46:02 +0100 Tue, 30 Nov 2021 17:46:02 +0100 TYPO3 EXT:news news-46371 Tue, 30 Nov 2021 08:59:01 +0100 Wie wird ein Fledermaus-Coronavirus zum Pandemie-Auslöser?|Der Austausch einer Aminosäure lässt RaTG13 mit menschlichen Zellen interagieren https://www.uni-ulm.de/home/uni-aktuell/article/wie-wird-ein-fledermaus-coronavirus-zum-pandemie-ausloeserder-austausch-einer-aminosaeure-laesst-ratg13-mit-menschlichen-zellen-interagieren/ Das Fledermaus-Virus RaTG13 ist ein naher Verwandter von SARS-CoV-2, doch anders als der Verursacher der COVID-19-Pandemie kann RaTG13 nur schlecht an menschliche Zellen andocken. Allerdings reicht der Austausch einer einzigen Aminosäure im Spike-Protein dieses Fledermaus-Coronavirus aus, damit es ähnlich wie SARS-CoV-2 über den ACE2-Rezeptor an menschliche Zellen binden kann. Dies hat eine Studie aus dem Institut für Molekulare Virologie des Universitätsklinikums Ulm gezeigt, die jüngst im Fachjournal Nature Communications publiziert wurde. Ein weiteres Ergebnis der Arbeit: Eine Impfung gegen SARS-CoV-2 kann möglicherweise helfen, das Überspringen von solchen Krankheitserregern vom Tier auf den Menschen zu unterbinden und somit zukünftige Zoonosen verhindern.

Der Verursacher der COVID-19-Pandemie, SARS-CoV-2, wurde höchstwahrscheinlich direkt oder über einen Zwischenwirt von Fledermäusen auf den Menschen übertragen. Das Virus konnte sich so rasch in der menschlichen Bevölkerung ausbreiten, weil es menschliche Lungenzellen effektiv infiziert. Welche Eigenschaften es Fledermausviren ermöglichen, auf den Menschen überzuspringen, ist derzeit noch wenig verstanden. Bekannt ist, dass SARS-CoV-2 mit seinem Spike-Protein am ACE2-Rezeptor menschlicher Zellen andocken und dadurch in die Zellen eindringen kann. Ein Forschungsteam um den Ulmer Virologen Professor Frank Kirchhoff hat nun gezeigt, dass der Austausch einer einzigen Aminosäure im Spike-Protein des Fledermaus-Virus RaTG13 ausreicht, damit dieses Protein über den ACE2-Rezeptor an menschliche Zellen andocken und zu deren Infektion führen kann. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse im renommierten Fachjournal Nature Communications.

„Die gezielte Mutation einer Aminosäure im Spike-Protein des RaTG13, genauer gesagt an Position 403, erlaubt es diesem Fledermaus-Coronavirus, am selben Rezeptor anzudocken wie SARS-CoV-2: dem humanen ACE2-Rezeptor“, erklärt Professor Frank Kirchhoff, Leiter des Instituts für Molekulare Virologie am Universitätsklinikum Ulm. Das Forschungsteam konnte außerdem den grundlegenden Mechanismus aufzeigen, der erklärt, wieso der ACE2-Rezeptor auf das modifizierte Spike-Protein plötzlich eine so anziehende Wirkung entfaltet: „Die ausgetauschte Aminosäure im Spike-Protein des Virus ist positiv geladen und interagiert mit einer negativ geladenen Aminosäure im humanen ACE2-Rezeptor-Molekül“, so Fabian Zech, Erstautor der Studie und Doktorand am Institut für Molekulare Virologie.

Die wissenschaftliche Arbeit ist ein perfektes Beispiel für das interdisziplinäre Zusammenspiel von experimenteller Laborarbeit und theoretischer Computer-Modellierung. Auf der einen Seite haben die Ulmer Virusforscher und -forscherinnen durch die gezielte Erzeugung von Mutationen (Mutagenese) das Spike-Protein des Virus in seiner Aminosäuren-Zusammensetzung verändert. Auf der anderen Seite halfen computergestützte Modellierungen dabei, Proteinstrukturen und Protein-Protein-Interaktionen aufzuklären. Diese wurden von Dr. Christoph Jung aus dem Institut für Elektrochemie der Universität Ulm von Professor Timo Jacob durchgeführt. Dabei kamen sogenannte reaktive Kraftfeldmethoden zum Einsatz, mit deren Hilfe Einblicke in die physikochemischen Eigenschaften und Wechselwirkungsenergien gewonnen werden können.

Die umgekehrte Mutation macht SARS-CoV-2 weniger infektiös

Die Ulmer Virologen und Virologinnen habe es in dieser wissenschaftlichen Arbeit nicht nur geschafft, das Spike-Protein des Fledermaus-Coronavirus RaTG13 mit gentechnischen Eingriffen in die Lage zu versetzen, menschliche Zellen zu infizieren. Sie konnten auch nachweisen, dass eine umgekehrte Mutation bei SARS-CoV-2 (R403T) den Pandemie-Erreger schwächt und eine Virusinfektion der menschlichen Zellen reduziert. Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass die positiv geladene Aminosäure wichtig für die hohe Übertragbarkeit von SARS-CoV-2 ist.

Das Forschungsprojekt hat aufgezeigt, welche Eigenschaften von Coronaviren entscheidend dafür sind, dass diese als Zoonosen auf den Menschen überspringen können. Die Ergebnisse tragen somit dazu bei, das Risiko zukünftiger viraler Pandemien besser abschätzen zu können. Und noch ein weiterer Aspekt macht die Studie interessant: So haben die Forschenden außerdem untersucht, ob aktuelle Impfungen gegen SARS-CoV-2 vor nahe verwandten Fledermaus-Viren und damit vor zukünftigen Zoonosen schützen können. Das Ergebnis: „Die Seren von Personen, die gegen COVID-19 geimpft wurden, konnten das Fledermaus-Virus effektiv unschädlich machen. Die SARS-CoV-2-Impfung könnte also helfen, ein zukünftiges Überspringen solcher viralen Erreger auf den Menschen zu verhindern“, so die Forschenden.

Beteiligt an diesem Forschungsprojekt des Ulmer Instituts für Molekulare Virologie waren Virusforscher und Infektionsbiologen aus Erlangen-Nürnberg, München und Göttingen sowie weitere Ulmer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Elektrochemie, der Inneren Medizin und Medizinischen Mikrobiologie. Unterstützt wurde die Studie – die als Preprint bereits veröffentlicht wurde und auf großes Interesse stieß – von der DFG (u.a. aus dem Heisenberg-Programm), vom BMBF, vom Freistaat Bayern und der Internationalen Graduiertenschule für Molekulare Medizin (IGradU) der Universität Ulm. Realisiert wurde diese wissenschaftliche Arbeit im Rahmen des Ulmer Sonderforschungsbereichs 1279 „Nutzung des menschlichen Peptidoms zur Entwicklung neuer antimikrobieller und anti-Krebs Therapeutika“.

Literaturhinweis:
Spike residue 403 affects binding of coronavirus spikes to human ACE2
Fabian Zech, Daniel Schniertshauer, Christoph Jung, Alexandra Herrmann, Arne Cordsmeier, Qinya Xie, Rayhane Nchioua, Caterina Prelli Bozzo, Meta Volcic, Lennart Koepke, Janis A. Müller, Jana Krüger, Sandra Heller, Steffen Stenger, Markus Hoffmann, Stefan Pöhlmann,
Alexander Kleger, Timo Jacob, Karl-Klaus Conzelmann, Armin Ensser, Konstantin M. J. Sparrer & Frank Kirchhoff ✉, in: Nature Communications, volume 12, Article number: 6855 (2021), https://doi.org/10.1038/s41467-021-27180-0

Text und Medienkontakt: Andrea Weber-Tuckermann

 

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news-46362 Thu, 25 Nov 2021 09:40:19 +0100 Alexander von Humboldt-Professur in Aussicht|KI-Experte verhandelt mit der Universität Ulm https://www.uni-ulm.de/home/uni-aktuell/article/humboldt/ Die Universität Ulm hat erneut Chancen auf eine Alexander von Humboldt-Professur und somit auf den höchstdotierten deutschen Forschungspreis. Wunschkandidat ist der KI-Forscher Professor Sven Koenig, der nun von der Alexander von Humboldt-Stiftung in einem mehrstufigen Verfahren ausgewählt wurde. Verlaufen die Berufungsverhandlungen erfolgreich, könnte Sven Koenig ab 2022 von Kalifornien nach Ulm wechseln – gefördert mit bis zu fünf Millionen Euro.

Künstliche Intelligenzen (KI) sind uns Menschen in vielen eng umrissenen Spezialgebieten haushoch überlegen. Unbekannte, komplexe Situationen können solche Systeme jedoch schnell an ihre Grenzen bringen – vor allem wenn sich mehrere KI-Akteure koordinieren müssen. Unterstützung bei der Entscheidungsfindung und Handlungsplanung mehrerer KI-Systeme verspricht der Forschungsbereich „Multi Agent Systems“. Professor Sven Koenig von der University of Southern California in Los Angeles ist führend in diesem Spezialgebiet: Er versetzt einzelne KI-Akteure oder ganze „Roboter-Teams“ in die Lage, auch in komplexen Situationen sinnvolle und zeitnahe Entscheidungen zu treffen.

Koordinations-Algorithmus hilft KI-Systemen bei der Teamarbeit

Die praktische Relevanz dieses Forschungsbereichs lässt sich anhand einer Lagerhalle verdeutlichen, in der zahlreiche Roboter Online-Bestellungen abarbeiten. Wie kann der Online-Händler sicherstellen, dass die Roboter ihre Aufträge effizient, in einer bestimmten Reihenfolge erfüllen, kurze Wege wählen und dabei nicht zusammenstoßen? Für solche Szenarien hat Sven Koenig Verfahren der Optimierung sowie des maschinellen Lernens kombiniert und in langjähriger Zusammenarbeit mit „Amazon Robotics“ einen sehr effizienten Koordinations-Algorithmus entwickelt. Weitere Anwendungsgebiete finden sich beispielsweise bei der Planung von Drohnenflügen oder bei der bedarfssynchronen Produktion („just-in-time manufacturing“).

Künftig soll der Informatiker und Betriebswirt Koenig seine Expertise als Humboldt-Professor an der Universität Ulm einbringen: Verlaufen die Berufungsverhandlungen erfolgreich, wird der deutschstämmige Forscher ein neu gegründetes „Centre for Intelligent-Collaborating Systems“ leiten. „Eine Stärke der Universität Ulm ist die Verbindung der wissensbasierten KI-Forschung mit dem maschinellen Lernen. An dieser Schnittstelle bieten sich zahlreiche Anknüpfungspunkte für Professor Sven Koenig, der selbstverständlich auch ganz neue Impulse setzen wird. Wir sind positiv gestimmt, diesen außergewöhnlichen Forscher gewinnen zu können“, betont Universitätspräsident Professor Michael Weber, der selbst Informatiker ist.

Spitzenforschende für deutsche Universitäten

Die Alexander von Humboldt-Professur richtet sich an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die im Ausland forschen. Aus insgesamt 22 Nominierten hat die Alexander von Humboldt-Stiftung 10 potenzielle Humboldt-Professorinnen und  -Professoren ausgewählt. Dieses Mal stammen 6 von ihnen aus dem Bereich Künstliche Intelligenz. Sind die Berufungsverhandlungen erfolgreich, wechseln die Spitzenforschenden aus den USA, den Niederlanden oder aus Großbritannien an die deutsche Universität, die sie nominiert hat. Diese Universitäten erhalten die Chance, ihr Profil durch die Humboldt-Professur zu schärfen und ihre internationale Konkurrenzfähigkeit auszubauen.
Die Auszeichnung wird von der Alexander von Humboldt-Stiftung vergeben und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) für 5 Jahre mit jeweils bis zu 5 Millionen Euro finanziert. Die weitere Finanzierung trägt die aufnehmende deutsche Universität.

 

Zur Person: Prof. Sven Koenig
Professor Sven Koenig studierte Informatik und Betriebswirtschaftslehre an den Universitäten Hamburg, Berkeley sowie an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh (USA), wo er auch promovierte. Weitere Stationen führten Koenig als „Assistant Professor“ ans Georgia Institute of Technology und an die University of Southern California in Los Angeles, wo er seit 2011 eine Professur innehat. Der vielfach ausgezeichnete Forscher ist unter anderem Fellow der renommierten American Association for the Advancement of Science (AAAS) sowie der Fachgesellschaften Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE), Association for the Advancement of Artificial Intelligence (AAAI) und der Association for Computing Machinery (ACM).

Text und Medienkontakt: Annika Bingmann

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news-46360 Thu, 25 Nov 2021 09:01:11 +0100 Neuer Sonderforschungsbereich für die Uni Ulm!|Die „Stellschrauben“ des menschlichen Alterns im Fokus https://www.uni-ulm.de/home/uni-aktuell/article/neuer-sonderforschungsbereich-fuer-die-uni-ulmdas-altern-des-menschen-im-fokus/ In einem hochkompetitiven Verfahren hat die Universität Ulm ihren fünften Sonderforschungsbereich (SFB) eingeworben. Der neue SFB 1506 „Alterung an Schnittstellen“ widmet sich einer der drängendsten Herausforderungen der Medizin: der Alterung des menschlichen Körpers und den damit oftmals verbundenen Erkrankungen und Einschränkungen. Dabei nehmen die interdisziplinär Forschenden Schnittstellen auf der zellulären und molekularen Ebene in den Blick, die Einfluss auf die Alterung von Geweben, Organen oder des Gesamtorganismus haben. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert den neuen SFB für zunächst vier Jahre mit rund 11 Millionen Euro.

Der demographische Wandel ist unaufhaltsam: In vielen Ländern steigt der Anteil der über 65-Jährigen rapide an. Dieser wachsenden Bevölkerungsgruppe ein gesundes Altern zu ermöglichen, gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Medizin und Lebenswissenschaften. „Wenn der menschliche Körper altert, kommt es zu einem Struktur- und Funktionsverlust von Geweben und Organen. Gleichzeitig nimmt die Regenerationsfähigkeit ab und altersassoziierte Erkrankungen entstehen“, erklärt SFB-Koordinator Professor Hartmut Geiger, Leiter des Instituts für Molekulare Medizin der Universität Ulm.

Schnittstellen des Alterns auf molekularer und zellulärer Ebene

Während intensiv zu typischen Alterserscheinungen wie Alzheimer oder Herz-Kreislauferkrankungen geforscht wird, sind grundlegende Mechanismen auf molekularer und zellulärer Ebene noch wenig verstanden. Diese Forschungslücke will der neue SFB füllen: Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fokussieren sich auf Schnittstellen wie Synapsen oder Stammzell-Nischen, die Wechselwirkungen zwischen Proteinen, Zellen und Geweben vermitteln. „Der neue SFB betrachtet das Altern als stark zusammenhängenden, ineinandergreifenden Prozess. Wir sind überzeugt, dass Störungen an molekularen Schnittstellen Alterungsprozesse von Geweben und Organen auslösen oder beeinflussen können“, erläutert die stellvertretende SFB-Koordinatorin Professorin Karin Scharffetter-Kochanek, Ärztliche Direktorin der Universitätsklinik für Dermatologie und Allergologie. Ein tieferes Verständnis der Vorgänge an solchen Grenzflächen ist demnach entscheidend für die Regulation des Alterungsprozesses und könnte den Weg zu neuen Therapien ebnen.

Welchen Einfluss hat das Altern auf das Nervensystem? Warum verschlechtert sich die Regenerationsfähigkeit im Laufe des Lebens? Und inwiefern bestimmt die Alterung des Immunsystems und des Bindegewebes den Zustand von Organen? Antworten auf diese und weitere Fragen suchen die SFB-Forschenden in drei Projektlinien, die Schnittstellen des Nervensystems, der Immunantwort oder der Organ-Alterung in den Mittelpunkt stellen.
Die insgesamt 18 SFB-Teilprojekte drehen sich beispielsweise um mögliche Auslöser neurodegenerativer Erkrankungen wie Parkinson oder um die Alterung beziehungsweise Verjüngung blutbildender Stammzellen, die unter anderem Einfluss auf das Immunsystem haben. Weitere Forschungsvorhaben widmen sich der Identifikation von Biomarkern für das chronologische und biologische Alter oder sie ergründen das außergewöhnliche Selbstheilungspotenzial von Zebrafischen. Das Wassertier kann auch noch im fortgeschrittenen Alter abgetrennte Körperteile oder Herzmuskelzellen regenerieren und gibt somit wichtige Hinweise auf „Anti Aging-Strategien“ beim Menschen. Darüber hinaus werden im Sonderforschungsbereich geschlechtsspezifische Prozesse bei der DNA-Schadensantwort oder der oftmals beschleunigte Alterungsprozess bei HIV-Infizierten betrachtet.

Forschungsziel: ein gesünderes Leben im Alter

Für ihre Untersuchungen stehen den 29 Forschenden menschliche Blut- und Gewebeproben zur Verfügung, die teilweise aus der Ulmer ActiFE-Studienpopulation stammen, einer Kohorte mit rund 1500 Probandinnen und Probanden im Seniorenalter. Weiterhin setzen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf Tiermodelle und Computersimulationen.
Letztlich sollen grundlegende Erkenntnisse zu den „Schnittstellen der Alterung“ in die klinische Praxis übertragen werden und Seniorinnen wie Senioren ein gesünderes Leben ermöglichen. „Unser Fernziel ist die Entwicklung neuer Medikamente oder Interventionen, die das Altern auf zellulärer, molekularer oder epigenetischer Ebene verlangsamen könnten“, fasst Professor Hartmut Geiger zusammen.

Um diese ambitionierten Ziele zu erreichen, bündeln Expertinnen und Experten aus Neurologie, Dermatologie, Immunologie, Epidemiologie sowie aus verschiedenen Natur- und Lebenswissenschaften ihr Wissen im neuen Sonderforschungsbereich. Neben der Universität und dem Universitätsklinikum Ulm sind die Agaplesion Bethesda Geriatrie Ulm, die Universitäten Tübingen und Aachen sowie das israelische Weizmann Institute of Science beteiligt.

„Die Alternsforschung zählt zu den strategischen Forschungsbereichen der Universität Ulm und hat eine hohe gesellschaftliche Relevanz. Durch den neuen Sonderforschungsbereich werden Ulmer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch in Zukunft entscheidende Beiträge in diesem zukunftsträchtigen Feld leisten“, betont Professor Michael Weber, Präsident der Universität Ulm.

Zur Pressemitteilung der DFG (DFG fördert 14 neue Sonderforschungsbereiche)

Text und Medienkontakt: Annika Bingmann

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news-46322 Thu, 18 Nov 2021 11:49:06 +0100 Nervenkrankheit ALS: Risikofaktor schwere körperliche Arbeit|Aktivitätsniveau als Einflussgröße und Frühsymptom identifiziert https://www.uni-ulm.de/home/uni-aktuell/article/nervenkrankheit-als-risikofaktor-schwere-koerperliche-arbeitaktivitaetsniveau-als-einflussgroesse-und-fruehsymptom-identifiziert/ Wer im Beruf körperlich schwere Arbeit verrichtet, erkrankt offenbar häufiger an Amyotropher Lateralsklerose (ALS) als zum Beispiel Büroangestellte. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Ulmer Universitätsmedizin. Insgesamt scheint das Aktivitätsniveau Einfluss auf Krankheitsentstehung und -verlauf zu haben: Die Forschenden aus Neurologie und Epidemiologie haben einen plötzlichen Abfall der körperlichen Betätigung erstmals als ALS-Frühsymptom identifiziert und gezeigt, dass moderate Bewegung nach Krankheitsbeginn die durchschnittliche Überlebensdauer erhöht. Nun ist die Studie, die auf dem umfangreichen ALS-Register Schwaben basiert, online in „Neurology“ erschienen.

Haben körperlich schwer arbeitende Steinmetze, Holzfäller oder Spitzensportler ein erhöhtes Risiko, an Amyotropher Lateralsklerose zu erkranken? Und kann physische Aktivität den Krankheitsverlauf beeinflussen? Diese Forschungsfragen waren Ausgangspunkt einer umfangreichen Studie der Ulmer Universitätsmedizin, in der die gesamte Lebensspanne der Teilnehmenden betrachtet wird. „Bereits seit den 1960-er Jahren wird schwere körperliche Arbeit als ALS-Risikofaktor diskutiert. Auslöser waren die Erkrankungen des prominenten US-Baseballspielers Lou Gehrig und einiger italienischer Fußballspieler an Amyotropher Lateralsklerose“, erklärt Professor Albert Ludolph, Ärztlicher Direktor der Ulmer Universitätsklinik für Neurologie (RKU).

Bei der ALS (2-3 Fälle pro 100 000 Personen/Jahr) gehen die so genannten Motoneurone zugrunde. Symptome reichen von Lähmungserscheinungen über den Verlust der Sprache bis zum Gefühl, im eigenen Körper gefangen zu sein. Trotz neuer therapeutischer Ansätze ist die relativ seltene Erkrankung weiterhin unheilbar und führt etwa zwei bis fünf Jahre nach der Diagnose zum Tod. Die Studienlage, ob körperlich schwere Arbeit Krankheitsentstehung und -verlauf beeinflusst, ist bisher uneindeutig.

Befragung zum Aktivitätsniveau in verschiedenen Lebensphasen

Daher haben Ulmer Forschende aus Neurologie und Epidemiologie diesen Zusammenhang sowie den Einfluss der körperlichen Gesamtaktivität in einer groß angelegten Studie zu überprüft. Die Basis bildet das ALS-Register Schwaben, in dem seit 2010 alle neu diagnostizierten Fälle der Region erfasst sind. Für die aktuelle Studie haben 393 ALS-Erkrankten sowie 791 gesunde Kontrollpersonen in standardisierten Interviews Auskunft über Dauer und Art ihrer Aktivitäten in verschiedenen Lebensphasen gegeben (mit 20, 30, 40, 50 und 60 Jahren). Dabei wurden sie gebeten, physische Belastungen bei der Arbeit und in der Freizeit einzuteilen: Zum einen in „schweißtreibende Aktivitäten“ wie intensiven Sport oder die Arbeit eines Landwirts, Bauarbeiters oder Steinmetz. Und zum anderen in leichte Anstrengungen wie Bürotätigkeiten oder Radfahren. Aus diesen Angaben berechneten die Forschenden den „MET-Wert“, also die Energie-Aufwendung bezogen auf Stunden pro Woche (1 MET= Sauerstoffverbrauch von 3,5 ml/kg/min). „Mit diesen umfangreichen Daten von Betroffenen und aus der gesunden Kontrollgruppe erhoffen wir uns Aufschluss über schwere körperliche Arbeit als möglichen ALS-Risikofaktor. Außerdem untersuchen wir den Einfluss der physischen Aktivität auf den Krankheitsverlauf“, resümiert Erstautorin PD Dr. Angela Rosenbohm, Oberärztin und Wissenschaftlerin an der Ulmer Universitätsklinik für Neurologie.

Die Ergebnisse der statistischen Auswertung haben unmittelbare klinische Relevanz: Offenbar hängt die körperliche Gesamtaktivität der Studienteilnehmenden nicht mit einem erhöhten ALS-Risiko zusammen. Erkrankte und Kontrollgruppe gaben auf die Lebensspanne bezogen ein vergleichbares Belastungsniveau an. Bei den ALS-Patientinnen und -Patienten zeigte sich allerdings rund 5 Jahre vor der Diagnose ein signifikanter Aktivitäts-Abfall. Die Forschenden vermuten, dass bereits vor Symptombeginn subklinische Verschlechterungen oder krankheitsbezogene Veränderungen des Stoffwechsels sowie des Lebensstils eintreten. Insgesamt zeigt der Vergleich mit der gesunden Kontrollgruppe, dass schwere körperliche Arbeit mit einem fast doppelt so hohen ALS-Risiko assoziiert ist. Bewegung in der Freizeit hat offenbar keine vergleichbar negativen Auswirkungen. „Allerdings könnten auch andere noch unbekannte Belastungen am Arbeitsplatz das Erkrankungsrisiko beeinflussen“, erläutert Professorin Gabriele Nagel vom Institut für Epidemiologie und Medizinische Biometrie der Universität Ulm.

Weiterhin hängt die mittlere Überlebensdauer nach der Diagnose offenbar mit dem Aktivitätsniveau zusammen: Die kürzeste Überlebensspanne mit 15,4 Monaten hatten inaktive ALS-Erkrankte. Aber auch die körperlich agilste Gruppe verstarb bereits nach durchschnittlich 19,3 Monaten. Bei einem moderaten Betätigungslevel von 10,5 MET/h pro Woche – das entspricht etwa zwei Stunden Fahrrad fahren in diesem Zeitraum – war die mittlere Überlebensdauer mit 29,8 Monaten am höchsten.

Erstmals ALS-Frühsymptom identifiziert

 „Mit dem Aktivitäts-Abfall etwa 5 Jahre vor der Diagnose haben wir vor allem erstmals ein stoffwechselassoziiertes Frühsymptom der ALS entdeckt. Außerdem konnten wir zeigen, dass körperliche Aktivität auch nach Symptombeginn die Überlebensdauer beeinflusst “, betont Dr. Angela Rosenbohm. Die möglichen Auswirkungen krankheitsbedingter Veränderungen des Stoffwechsels oder des Lebensstils auf das Aktivitätsniveau müssen in künftigen Forschungsvorhaben genauer untersucht werden. Aber schon jetzt zeigt die Studie ALS-Patientinnen und -patienten Chancen auf, wie sie den Krankheitsverlauf ohne Medikamente selbst beeinflussen können: „Auch nach Symptombeginn würden wir zu moderater Bewegung raten“, bekräftigt Seniorautor Professor Ludolph.

Die aktuelle Studie hat mehrere Vorteile: Zum einen bietet das umfangreiche ALS-Register Schwaben eine einmalige Datengrundlage – und zum anderen sorgt die Umrechnung der körperlichen Gesamtaktivitäten in METs für eine größere Vergleichbarkeit. Die Erinnerung der Studienteilnehmer an teilweise weit zurückliegende Aktivitäten, könnte hingegen eine Einschränkung sein.

 

Zum ALS-Register Schwaben
Die nun veröffentlichte Studie beruht auf dem ALS-Register Schwaben. Darin sind alle neu diagnostizierten Fälle in der Region erfasst. Ziel des Registers, das ein Gebiet mit 8,4 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern abdeckt, ist die Bestimmung der ALS-Inzidenz sowie möglicher Risikofaktoren. Hierfür umfasst das Register eine Kontrollgruppe, die den ALS-Patientinnen und -Patienten in Alter und Geschlecht entspricht. So sollen Verhaltensweisen identifiziert werden, die Krankheitsentstehung und –verlauf beeinflussen können. Daher werden Informationen zu chronischen Erkrankungen, zur Einnahme von Medikamenten sowie zu Lebensstilfaktoren wie Bewegung oder Rauchen erhoben.

Das ALS-Register Schwaben und die nun veröffentlichte Studie werden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt.

 

Literaturhinweis:
Life Course of Physical Activity and Risk and Prognosis of Amyotrophic Lateral Sclerosis in a German ALS Registry. Angela Rosenbohm, Raphael Peter, Johannes Dorst, Jan Kassubek, Dietrich Rothenbacher, Gabriele Nagel, Albert C Ludolph, The ALS Registry Swabia Study Group. Neurology Oct 2021, 10.1212/WNL.0000000000012829; DOI: 10.1212/WNL.0000000000012829

 

Text und Medienkontakt: Annika Bingmann

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news-46298 Tue, 16 Nov 2021 13:58:53 +0100 Fünf Forscher aus Ulm gehören zu den „Highly Cited Researchers 2021“ - Weltweite Publikations-Rangliste misst wissenschaftlichen Einfluss https://www.uni-ulm.de/home/uni-aktuell/article/highly-cited-researchers-2021/ Wissenschaftler der Universität Ulm und des Universitätsklinikums Ulm zählen auch 2021 zu den einflussreichen Forschenden, den „Highly Cited Researchers“, weltweit. Die jährliche Analyse wissenschaftlicher Publikationen weist die Ulmer Professoren Hartmut Döhner, Steven Jansen, Fedor Jelezko, Martin Plenio sowie Stephan Stilgenbauer als „meistzitierte Köpfe“ in ihrem jeweiligen Fachgebiet aus.

In der Veröffentlichung „Highly Cited Researchers“ listet das US-amerikanische Datenbank- und Analyseunternehmen Clarivate die meistzitierten und damit einflussreichsten Forschenden aus 22 Fachgebieten auf. Grundlage ist die Analyse von wissenschaftlichen Publikationen aus den vergangenen zehn Jahren, die im Zitationsindex „Web of Science“ gelistet sind. Je häufiger eine Autorin oder ein Autor von Fachkollegen zitiert wird, desto höher der Zitationsindex. Die „Highly Cited Researchers“ gehören im jeweiligen Jahr zum obersten Prozent der meistzitierten Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftlern ihres Forschungsfeldes.

Die Bandbreite der Forschungsthemen, mit denen Universität und Universitätsklinikum Ulm seit Jahren in den „Highly Cited Researchers“ vertreten sind, erstreckt sich von der „Klinischen Medizin“ über die Botanik bis hin zur Quantenphysik.
Seit vielen Jahren zählt Professor Hartmut Döhner zu den meistzitierten Forschenden seines Fachgebiets. Der Ärztliche Direktor der Universitätsklinik für Innere Medizin III ist Experte für Blutkrebserkrankungen im Erwachsenenalter und Sprecher des Sonderforschungsbereichs 1074: „Experimentelle Modelle und Klinische Translation bei Leukämien“.
Sich ebenfalls der Krebsforschung verschrieben hat sich Professor Stephan Stilgenbauer, der bei der Erforschung der Chronischen Lymphatischen Leukämie eine führende Rolle einnimmt. Seit Juli hat Stilgenbauer zudem die Leitung des Comprehensive Cancer Center Ulm inne.
Das Forschungsinteresse des wiederholt gelisteten Botanikers Professor Steven Jansen gilt hingegen dem Wassertransport in Pflanzen sowie den Auswirkungen von Trockenstress auf Gewächse.
Außerdem zählen die beiden Professoren Fedor Jelezko und Martin Plenio zu den „Highly Cited Researchers 2021“. Gemeinsam haben die Quantenphysiker ein neues Forschungsfeld an der Schnittstelle zwischen Quantentechnologie und Biomedizin etabliert und wiederholt einen der selten vergebenen Synergy Grants des Europäischen Forschungsrats eingeworben.

Ebenfalls in der Auflistung der meistzitierten Forschenden vertreten und der Universität eng verbunden ist Professor Stefano Passerini, Direktor des Helmholtz-Instituts Ulm (HIU). Gegründet wurde das HIU, in dem zu Batterien der Zukunft geforscht wird, vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und der Uni Ulm gemeinsam mit weiteren Partnern.

Insgesamt werden in der aktuellen Auswertung der meistzitierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über 6600 Forschende aus mehr als 70 Staaten und Regionen aufgeführt. Im Ländervergleich erreicht Deutschland mit 331 „Highly Cited Researchers“ weltweit den 5. Platz hinter den USA, China, dem Vereinigten Königreich und Australien.
 

Text und Medienkontakt: Daniela Stang

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news-46304 Tue, 16 Nov 2021 12:21:00 +0100 5. Albsymposion zum Schutz der Artenvielfalt|Das Biosphärengebiet Schwäbische Alb nachhaltig bewahren https://www.uni-ulm.de/home/uni-aktuell/article/5-albsymposion-zum-schutz-der-artenvielfaltdas-biosphaerengebiet-schwaebische-alb-nachhaltig-bewahren/ Die Wiesen, Wälder und Wacholderheiden im Biosphärengebiet Schwäbische Alb bieten unzähligen Tieren und Pflanzen einen einzigartigen Lebensraum. Trotzdem macht das Artensterben auch dort nicht Halt. Impulse für die nachhaltige Nutzung und Pflege dieser Kulturlandschaft gibt das 5. Albsymposion, das am Freitag, 19. November, und am Samstag als Hybridveranstaltung stattfindet.

Mit Vorträgen, Diskussionen und Posterpräsentationen soll der Austausch zwischen Forschenden, lokalen Entscheidungsträgern sowie Interessierten gefördert werden. Veranstalter sind die Plattform Biodiversitätsexploratorien, insbesondere das Institut für Evolutionsökologie und Naturschutzgenomik der Universität Ulm, sowie die Geschäftsstelle des Biosphärengebiets Schwäbische Alb. Bei der Hybridveranstaltung (Präsenz und online) werden beispielsweise die Auswirkungen von Wald- und Grünlandnutzung auf die Biodiversität dargestellt sowie nachhaltige Lösungen zum Erhalt der biologischen Vielfalt diskutiert. Außerdem gewähren die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Einblicke in Forschungsvorhaben im Biosphärengebiet – etwa zum Insektenmonitoring.

Das Biodiversitätsexploratorium Schwäbische Alb ist Teil einer Forschungsplattform, die seit 2006 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird. Auf standardisierten Untersuchungsflächen erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, wie sich unterschiedliche land- und forstwirtschaftliche Bewirtschaftungsformen auf die Biodiversität auswirken. Die wissenschaftliche Leitung des Exploratoriums Schwäbische Alb hat Professor Manfred Ayasse von der Universität Ulm. 

 

Termin im Überblick:

5. Albsymposion „Biodiversität in der Kulturlandschaft – Grundlagen, Entwicklungen und nachhaltige Lösungsansätze zum Schutz der Artenvielfalt“
Freitag, 19.11. ab 13:00 Uhr
Samstag, 20.11. ab 9:00 Uhr

Programm und Zugangslinks (Zoom) finden Sie hier

Text und Medienkontakt: Annika Bingmann

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news-46270 Thu, 11 Nov 2021 14:31:30 +0100 Das helle Licht der Sonne ist wie ein Schock|Langjährig blinde Kinder müssen nach einer Augen-OP das Sehen erst erlernen https://www.uni-ulm.de/home/uni-aktuell/article/das-helle-licht-der-sonne-ist-wie-ein-schocklangjaehrig-blinde-kinder-muessen-nach-einer-augen-op-das-sehen-erst-erlernen/ Kinder, die erst nach langen Jahren der Blindheit operiert werden, müssen erst lernen, ihren „neuen“ Sehsinn zu gebrauchen. Wie das Gehirn dabei die neuen visuellen Signale mit den Informationen der anderen Sinne integriert, hat ein deutsch-israelisches Forschungsteam untersucht. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben äthiopische Kinder und Jugendliche, deren Grauer Star im Hawassa Referral Hospital chirurgisch erfolgreich behandelt wurde, in den ersten Wochen und Monaten nach der OP begleitet. Beteiligt an der Studie, die in der Fachzeitschrift Current Biology veröffentlicht wurde, waren die Universität Ulm, die Hebrew University of Jerusalem und das Padeh Medical Center in Tiberias (Israel).

In Entwicklungsländern ist der Graue Star eine Hauptursache für Erblindung. Die Augenkrankheit ist teils angeboren, wird aber auch durch Unterernährung und schlechte Lebensbedingungen im Kindesalter ausgelöst. Die Krankheit, auch Katarakt genannt, lässt sich operativ gut behandeln, indem die krankhaft getrübte Linse durch eine Kunstlinse ersetzt wird. Doch solche Augen-Operationen sind für die meisten Familien der Betroffenen unerschwinglich. In Äthiopien engagieren sich seit 2014 israelische Ärztinnen und Ärzte vom Padeh Medical Center in Tiberias, damit junge Menschen mit Grauem Star nach vielen Jahren der Blindheit endlich ihr Augenlicht (zurück)erhalten. Ein deutsch-israelisches Gemeinschaftsprojekt untersucht seit 2016 wie die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die im Hawassa Referral Hospital operativ behandelt wurden, mit dem wiederhergestellten neuen Sinnesorgan zurechtkommen. Das wissenschaftliche Begleitprojekt der Hebrew University of Jerusalem und der Universität Ulm erkundet, wie die frisch Operierten mit der Zeit wieder sehen lernen. „Wir wollen herausfinden, wann und wie es dem Gehirn gelingt, die visuellen Eindrücke mit den Informationen der anderen Sinne sinnvoll zu verknüpfen“, erklärt Professor Marc Ernst, Leiter der Abteilung für Angewandte Kognitionspsychologie an der Universität Ulm, der federführend an der Studie beteiligt war. Forschende aus der Neurobiologie, der Kognitionspsychologie, der Augenheilkunde und der medizinischen Bildgebung haben dafür insbesondere analysiert, wie das Gehirn Seh- und Tastsinn miteinander in Einklang bringt.

Es passiert eine Menge im Kopf, bis aus den visuellen Sinnesreizen kohärente Weltbilder werden

Wie ist es für einen Menschen, der von Kindesbeinen an blind ist, plötzlich sehen zu können? Zwar lässt sich das Augenlicht chirurgisch recht schnell wieder herstellen, doch bis aus den visuellen Sinnesreizen kohärente Bilder von der Welt entstehen, passiert eine Menge im Kopf. Was genau, das sollte die in Äthiopien durchgeführte Studie klären helfen.
Dr. Irene Senna, Wissenschaftlerin in Professor Ernsts Abteilung, war seit 2016 bereits sieben Mal für jeweils zwei bis drei Wochen für diese Forschungsarbeit vor Ort in Hawassa und hat an der Durchführung der Untersuchungen persönlich mitgewirkt. Die italienische Kognitionspsychologin war anfangs überrascht über die Reaktion der frisch operierten Kinder und jungen Erwachsenen. Senna hatte vor allem große Freude und eine enorme Aufregung erwartet. Aber die Realität sah ganz anders aus, wie sich herausstellte: Die häufigste Reaktion der Betroffenen auf die chirurgische Wiederherstellung ihrer Sehkraft war Überwältigung. „Das helle Licht der Sonne ist für viele wie ein Schock. Außerdem müssen die frisch Operierten erst lernen, den visuellen Input richtig zu interpretieren und die neuen Signale ins richtige Verhältnis zu setzen mit der Welt, wie sie sie kennen“, sagt Senna, die wie Elena Andres von der Hebrew University zu den Erstautorinnen der Studie gehört.

Mit der Zeit gewinnt der Sehsinn mehr und mehr an Bedeutung

Wie lange braucht das Gehirn, bis es gelernt hat, die visuellen Informationen „weltgerecht“ zu verarbeiten? Ist das Gehirn bei älteren Kindern und jungen Erwachsenen überhaupt noch dazu in der Lage? Um diese Fragen zu beantworten, hat das deutsch-israelische Forschungsteam am Hawassa Referral Hospital sowie in Blindenschulen in Shashamane und Sebeta 30 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 8 und 19 Jahren untersucht. Zu unterschiedlichen Zeitpunkten nach der Operation wurde erfasst, ob und in welchem Ausmaß sich die Probandinnen und Probanden auf den neu gewonnenen Sehsinn verlassen. Sie mussten dafür die Größe von Objekten schätzen, die sie gleichzeitig mit den Händen betasten konnten. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studien bekamen zusätzlich einerseits realistisch große Abbildungen gezeigt, andererseits vergrößerte beziehungsweise verkleinerte Abbildungen der Objekte, um eine visuelle Verzerrung zu erzeugen.  

Das Ergebnis: Innerhalb von Wochen bis Monaten nach der OP hat sich bei der Kombination von Seh- und Tastinformation ein multisensorisches Gewichtungsverhalten ergeben, das dem von normalsehenden Kontrollpersonen ähnelte. Mit der Zeit gewinnt der Sehsinn also mehr und mehr an Bedeutung, insbesondere wenn dieser in seinem Verhältnis zur Welt – also in Kombination mit anderen Sinneserfahrungen – entsprechend trainiert wird. „Wie gut die multisensorische Integration gelingt, hängt dabei nicht nur vom Alter ab, sondern sie setzt auch intensive Erfahrungen mit der Welt voraus, bei der auch alle anderen Sinne zum Einsatz kommen“, so Professor Ehud Zohary von der Hebrew University of Jerusalem, der die Studie gemeinsam mit Prof. Ernst koordiniert hat.

Die Ergebnisse der Studie zeigen, wie wichtig Rehamaßnahmen und Trainings sind

Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Arbeit, die im Fachjournal Current Biology veröffentlicht wurden, sind also nicht nur ein deutlicher Beleg für die Plastizität des Gehirns. Sie lassen auch schlussfolgern, wie wichtig entsprechende Trainings- und Rehabilitationsmaßnahmen für die Verbesserung der therapeutischen Erfolgsaussichten sind. Welche Übungen das sein könnten, und wie eine solche Reha für Menschen mit chirurgisch (wieder)hergestellter Sehkraft aussehen könnte, dazu ist bereits eine Folgestudie in Arbeit. Gefördert wurde das Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) als Deutsch-Israelische Projektkooperation (DIP), die von Ehud Zohary und Marc Ernst gemeinsam beantragt wurde. Zu den beteiligten Einrichtungen gehören neben der Universität Ulm und der Hebrew University of Jerusalem das Padeh Medical Center in Tiberias (Israel), das die Augenoperationen durchgeführt hat.

Literaturhinweis:
Development of multisensory integration following prolonged early-onset visual deprivation; Irene Senna, Elena Andres, Ayelet McKyton, Itay Ben-Zion, Ehud Zohary and Marc O. Ernst, in: Current Biology, Available online 16 September 2021,
https://doi.org/10.1016/j.cub.2021.08.060

Text und Medienkontakt: Andrea Weber-Tuckermann

 

 

 

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news-46240 Wed, 10 Nov 2021 10:02:30 +0100 Studieninfotag 2021 |Schülerinnen und Schüler erleben die Uni Ulm online https://www.uni-ulm.de/home/uni-aktuell/article/studieninfotag-2021/ Was hat Elektrotechnik mit dem Eiffelturm zu tun? Was ist das „Travelling-Salesman-Problem“? Und wie sehen eigentlich Informatik-Labore aus? Beim Studieninfotag am Mittwoch, 17. November (9:00 – 15:15 Uhr), können sich Schülerinnen und Schüler über die Studiengänge der Uni Ulm informieren, bei einer digitalen Führung den Campus kennenlernen und Fragen rund um Studium und Beruf stellen. Bereits zum zweiten Mal findet der Studieninfotag rein virtuell statt. Eine Anmeldung zur Online-Veranstaltung ist nicht erforderlich!

Am Studieninfotag erhalten Schülerinnen und Schüler der abschlussnahen Jahrgänge aus Ober- und Kursstufe einen Überblick über die Studienmöglichkeiten an der Universität Ulm. Die Angebote reichen von medizinischen Fächern über Psychologie und die klassischen Naturwissenschaften wie Biologie oder Physik bis hin zu Elektrotechnik, Informatik und Wirtschaftswissenschaften. Auch die Job-Aussichten für Absolventinnen und Absolventen werden beleuchtet. Im Chat können die Studieninteressierten Fragen an die Studienberaterinnen und -berater stellen und mit Studierenden und Lehrenden in Kontakt kommen.

Im Programmpunkt „Wissenschaft erleben“ stellen Uni-Angehörige ausgewählte Themen unterschiedlicher Studienfächer vor. Beispielweise zeigen Studierende des Fachs „Computational Science and Engineering“ (CSE) Modellierungs- und Simulationsprojekte. Der Vortrag „Chemie rund um die Uhr“ gewährt Einblicke in Alltagsprobleme aus naturwissenschaftlicher Sicht und bei „Elektrotechnik Live Erleben!“ gibt es spannende Projekte wie einen LED-Eiffelturm oder eine so genannte Snake-Platine zu sehen.

Der Studieninfotag thematisiert aber auch allgemeine Fragen rund um das Unileben – beispielsweise zur Studienplatzvergabe und zur Wohnungssuche, aber auch zur Finanzierung des Studiums oder zur Organisation eines Auslandssemesters. Eine Mitarbeiterin der Agentur für Arbeit Ulm berät zu Überbrückungsmöglichkeiten für die Zeit zwischen Abitur und Studium.

Organisiert wird der virtuelle Studieninfotag von der Zentralen Studienberatung der Uni Ulm. Die Begrüßung übernimmt per Videobotschaft die Vizepräsidentin für Lehre, Professorin Olga Pollatos. Alle Informationen, das Programm sowie die Zugänge zu den einzelnen Veranstaltungsteilen finden Sie auf https://www.uni-ulm.de/studieninfotag.

Termin im Überblick:
Studieninfotag

Mittwoch, 17. November
9:00 – 15:15 Uhr
Online


Text und Medienkontakt: Daniela Stang

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news-46188 Thu, 28 Oct 2021 15:06:35 +0200 Premiere mit Pitch und Preisgeldern|1. Science Day für den wissenschaftlichen Nachwuchs https://www.uni-ulm.de/home/uni-aktuell/article/premiere-mit-pitch-und-preisgeldern1-science-day-fuer-den-wissenschaftlichen-nachwuchs/ Beim ersten Wissenschaftstag der Ulmer Uni-Nachwuchsakademie ProTrainU traten fünf junge Forschende in einem Pitch live gegeneinander an. In dem zweistufigen Verfahren, das schriftlichen Antrag und mündlichen Kurzvortrag verbindet, wurden Preisgelder in Höhe von insgesamt 80 000 Euro vergeben, um wissenschaftliche Projektideen zu realisieren. Der 1. Science Day fand als Hybridveranstaltung statt; für eine gelungene Premiere sorgte insbesondere das neuartige Pitch-Format.

Erfolgreiche Premiere des 1. Science Days an der Universität Ulm! Mit Förderpreisen von insgesamt 80 000 Euro und fünf Kurzvorträgen im Pitch-Format fand im Forschungsgebäude N27 der erste Wissenschaftstag der Nachwuchsakademie ProTrainU statt. Bei der Veranstaltung hatten drei junge Wissenschaftlerinnen und zwei junge Wissenschaftler die Möglichkeit, Fördergelder für eigene Forschungsprojekte „einzuwerben“. Dafür mussten sie im Vorfeld die Jury nicht nur mit einem schriftlichen Antrag überzeugen, sondern auch in einem fünfminütigen Science-Pitch live vor Publikum sprechen. Die Aufgabe klingt einfach, sie ist es aber nicht: Das Forschungsvorhaben muss allgemeinverständlich, gut strukturiert und allein mit analogen Hilfsmitteln vorgestellt werden. Pandemiebedingt fand der Wissenschaftstag als Hybridveranstaltung statt, die via Zoom live im Internet gestreamt wurde. Vor Ort im Multimedia-Saal waren rund 30 Personen.

Den ersten Preis dotiert mit 50 000 Euro gewann Dr. Silke Werle. Die Biochemikerin forscht am Institut für Medizinische System-Biologie zu neuroendokrinen Pankreastumoren. Sie überzeugte die Jury, die aus Vorstandsmitgliedern der Nachwuchsakademie ProTrainU bestand, mit ihrem gut strukturierten sehr gut verständlichen Science-Pitch sowie mit ihrem exzellenten Antrag. Ihr Projekt verbindet auf innovative Weise klassische molekularbiologische Methoden mit Computer-gestützten mathematischen Verfahren. Werle möchte damit Wege finden, um diese spezielle Krebsart besser zu verstehen und zu behandeln. Der zweite Preis und damit 30 000 Euro ging an den Chemieingenieur Dr. Jens Friedland. Der gelernte Reaktionstechniker, der am Institut für Chemieingenieurwesen forscht, befasste sich mit der chemischen Veredelung von Biorohstoffen durch Sauerstoff. Friedland erklärte mit anschaulichen Analogien, wie sich beispielsweise Pflanzenöle mit Sauerstoff gezielt funktionalisieren lassen, ohne den Rohstoff unkontrolliert anzugreifen. Weitere Teilnehmer waren die Biomedizin-Ingenieurin Rida Rehman, sowie Dr. Michael Melzer und Dr. Flora Scheffenbichler, beide aus der Humanmedizin. Deren Vortragsthemen reichten von der neuronalen Zellregeneration über die Früherkennung von Pankreastumoren bis hin zur Vermeidung von Lungenkomplikationen nach Operationen unter Vollnarkose. Alle fünf Teilnehmenden des Fördergeldwettbewerbs erhielten von Universitätspräsident Professor Michael Weber eine Urkunde und ein Buchgeschenk.

Neues Format: Junge Nachwuchsforschende pitchen ihr Forschungsthema

„Der Science Day ist ein völlig neues Veranstaltungsformat, das den wissenschaftlichen Nachwuchs der Universität und dessen Arbeit noch besser sichtbar machen wird“, sagte Professor Dieter Rautenbach, Vizepräsident für Karriere, bei der Eröffnung des Science Days. Der Mathematiker nahm den Wissenschaftstag der Nachwuchsakademie zum Anlass, über die Neuaufstellung von ProTrainU zu informieren. Die neuen Geschäftsführerinnen Dr. Cornelia Estner und Clarissa Gobiet gaben – in einem Rollenspiel – einen Überblick über das breite Spektrum der ProTrainU-Angebote. Dazu gehören beispielsweise Förderprogramme, überfachliche Weiterbildungen, Anschubfinanzierungen, Reisestipendien sowie Beratungen bei Promotionsproblemen oder für die weitere Karriereplanung. Eng vernetzt ist ProTrainU außerdem mit anderen Nachwuchs-Unigremien wie dem Promovierendenkonvent. Auf den Pitch vorbereitet wurden die fünf Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Pia Beyer-Wunsch. Die Wissenschaftlerin, die selbst in der Informatik promoviert, coacht auch junge Existenzgründerinnen und -gründer über die Förderplattform Startup Süd.

Abgerundet wurde die Hybrid-Veranstaltung mit einem Online-Vortrag von Dr. Patrick Honecker. Der neue Chief Communication Officer der TU Darmstadt, erfahrener Hochschul- und Wissenschaftskommunikator, lieferte in seinem 20-minütigem Zoom-Talk einen temporeichen Parforceritt durch das Thema „Wissenschaft und Kommunikation“. Honecker zeigte dabei Hindernisse und Fallstricke auf, die nicht zuletzt aus kommunikationspsychologischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten hervorgehen. Den Einsatz sozialer Medien, die seiner Ansicht nach das größte Risiko für die „Wahrheit“ darstellten, empfahl Honecker auf Rückfragen aus der Zuschauerschaft nur bedingt. Aber Wissenschaftskommunikation darf und muss natürlich auch Spaß machen! Das innovative Pitch-Format, das die neuen ProTrainU-Geschäftsführerinnen Cornelia Estner und Clarissa Gobiet für den der 1. Science Day der Uni Ulm entwickelt haben, hat sich auf jeden Fall bewährt; es war kreativ, kurzweilig und wird sicherlich für solche Veranstaltungen Schule machen.

Text und Medienkontakt: Andrea Weber-Tuckermann

 

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news-46181 Wed, 27 Oct 2021 10:17:05 +0200 DAAD-Preis für Sümeyye Balci: Großes Engagement für internationale Studierende und Nachwuchsforschende https://www.uni-ulm.de/home/uni-aktuell/article/daad-preis-fuer-suemeyye-balcigrosses-engagement-fuer-internationale-studierende/ Die diesjährige DAAD-Preisträgerin der Universität Ulm setzt sich auf gleich mehreren Ebenen für internationale Studierende und Nachwuchsforschende ein. Für ihr großes Engagement wurde die Psychologie-Doktorandin nun mit dem Preis des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) ausgezeichnet. Einen symbolischen Scheck über 1000 Euro überreichten mit herzlichen Glückwünschen Universitätspräsident Professor Michael Weber und die Vizepräsidentin für Lehre, Professorin Olga Pollatos.

Mit der Verleihung von DAAD-Preisen macht der Deutsche Akademische Austauschdienst sichtbar, inwiefern internationale Studierende und Forschende die deutsche Hochschullandschaft bereichern. Ein leuchtendes Beispiel ist Sümeyye Balci. Die 32-Jährige promoviert seit 2018 in der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Ulm. Im Mittelpunkt ihrer wissenschaftlichen Arbeit stehen die psychische Gesundheit Studierender und die kulturelle Anpassung gesundheitsfördernder Angebote. Ganz konkret arbeitet sie beispielsweise an einer Online-Anwendung zum Thema Achtsamkeit, die sich an internationale und insbesondere türkischsprachige Studierende wendet. Dadurch möchte die Psychologin zur besseren Stressbewältigung im Uni-Alltag beitragen.

Für weitere Belange internationaler Studierender und junger Forschender setzt sich Sümeyye Balci in verschiedenen Gremien ein: Aktuell gehört sie dem Rat der Fakultät für Ingenieurwissenschaften, Informatik und Psychologie an sowie den Vorständen des Promovierendenkonvents und der Nachwuchsakademie ProTrainU. Mit großem Engagement berät Sümeyye Balci andere Doktorandinnen und Doktoranden bei Problemen und Herausforderungen. Darüber hinaus sorgt sie für die englische Übersetzung von Uni-Webseiten oder Dokumenten, die für internationale Nachwuchsforschende besonders relevant sind. „Sümeyye Balci ist es wichtig, dass sich internationale Studierende an universitären Prozessen beteiligen und sie geht selbst mit bestem Beispiel voran“, heißt es im Empfehlungsschreiben des Promovierendenkonvents für den DAAD-Preis. Bei der Verleihung betonte die Psychologin selbst: „Mein ehrenamtliches Engagement kommt von Herzen. Mir ist es ein besonderes Anliegen, zu einem höheren Ziel beizutragen: Besonders wichtig ist mir dabei die Förderung kultureller Vielfalt. Ich selbst profitiere enorm vom Austausch mit Personen, die ganz andere Hintergründe haben. Deshalb sollten auch universitäre Gremien unbedingt divers zusammengesetzt sein.“

Von Istanbul nach Ulm - und wieder zurück: Die DAAD-Preisträgerin ist auch Kulturbotschaftlerin 

Die Grundlagen für ihre heutige wissenschaftliche Arbeit hat Sümeyye Balci in ihrem Geburtsort gelegt, dem türkischen Istanbul. Zunächst absolvierte sie ein Bachelorstudium in Psychologie und eine pädagogische Ausbildung. Nach beruflichen Stationen als Psychologin – zum Beispiel in einem städtischen Zentrum für Familien, Frauen und Menschen mit Behinderungen – schrieb sie sich 2013 für den Masterstudiengang „Health Psychology“ ein. Aufgrund ihrer hervorragenden akademischen Leistungen erhielt Sümeyye Balci ein Promotionsstipendium des türkischen Bildungsministeriums, das sie an die Universität Ulm brachte. Nach Abschluss ihrer Doktorarbeit wird Balci ihre wissenschaftliche Arbeit voraussichtlich an der Türkisch-Deutschen Universität in Istanbul fortsetzen. Professorin Olga Pollatos, Vizepräsidentin für Lehre und selbst Psychologin, unterstrich die Vorbild- und Botschafterinnenfunktion der DAAD-Preisträgerin: „In der psychologischen Forschung und in der Psychotherapie ist kulturelle Vielfalt besonders wichtig, da diese die Diversität unsere Gesellschaft widerspiegelt.“

Sümeyye Balcis großer Einsatz beschränkt sich jedoch nicht auf Forschung und Lehre. Bereits in Istanbul war sie ehrenamtlich in der Jugendhilfe und in der Drogenprävention tätig. In ihrer zweiten Heimat Ulm gehörte die Psychologin zum Organisationsteam der SoapBox, einem internationalen Forum, wo sie unter anderem eine Diskussion über die psychische Gesundheit Studierender leitete. Zudem hat Sümeyye Balci bei einem Neu-Ulmer Kulturprojekt als „lebendiges Buch“ aus ihrem Forscherinnenalltag berichtet und somit eine Brücke von der Universität in die Stadt geschlagen. „Dass sich eine internationale Forscherin dermaßen engagiert auf verschiedensten Ebenen in Deutschland einbringt, ist wirklich außergewöhnlich: Der DAAD-Preis ist absolut verdient“, resümierte Universitätspräsident Professor Michael Weber.

Text und Medienkontakt: Annika Bingmann

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news-46159 Thu, 21 Oct 2021 13:57:50 +0200 Maßgeschneiderte IT-Lösungen auf Knopfdruck|Uni Startup benchANT gewinnt CyberOne Gründerpreis https://www.uni-ulm.de/home/uni-aktuell/article/massgeschneiderte-it-loesungen-auf-knopfdruckuni-startup-benchant-gewinnt-cyberone-gruenderpreis/ Große Freude an der Universität Ulm! Drei junge Wissenschaftler der Uni haben für ihr Informatik-Startup benchANT einen von drei CyberOne Hightech Awards erhalten. Sie haben eine automatisierte Plattform entwickelt, die insbesondere KMUs und IT-Consultants dabei hilft, die richtige IT-Entscheidung zu treffen. benchANT findet passende Cloud-basierte Datenbank-Systeme, individuell zugeschnitten auf unterschiedlichste Anforderungen.

Das Ulmer Startup benchANT hat den CyberOne Hightech Award in der Kategorie „IKT, Medien- und Kreativwirtschaft“ gewonnen! Der renommierte Gründerpreis wurde am Dienstagabend in Stuttgart beim „hightechsummit“ der Wirtschaftsinitiative bwcon in drei Kategorien vergeben. Die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung für benchANT geht an die Informatiker Dr. Jörg Domaschka und Dr. Daniel Seybold sowie an den Wirtschaftsphysiker Jan Ocker, allesamt Wissenschaftler der Universität Ulm. Mit ihrer Benchmarking Plattform für Cloud-basierte Datenbanken konnten die drei jungen Gründer die 25-köpfige, hochkarätig besetzte Jury dieses Businessplanwettbewerbs überzeugen. Unter den Gratulierenden war auch Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut: „Ich gratuliere allen Gewinnerinnen und Gewinnern des CyberOne Hightech Award! Bei der Preisverleihung zeigt sich immer wieder, wie innovativ und leistungsstark unsere Unternehmen und Start-ups im Land sind.“

Der CyberOne-Preis in der Kategorie „Industrielle Technologien“ ging an Detagto, in der Kategorie „Life Science and Health Care“ siegte das Startup eye2you. Und das Ulmer Spin-off benchANT hat – wie erwähnt – in der Kategorie „IKT, Medien- und Kreativwirtschaft“ gewonnen. "Letztes Jahr war ich noch Post-Doc, jetzt bin ich plötzlich Gewinner dieses bedeutenden Start-Up-Wettbewerbs. Das fühlt sich alles etwas surreal an. Vielen Dank an unsere Mentoren, die uns in den letzten Monaten so weit nach vorne gebracht haben!", so benchANT Senior Researcher Dr. Jörg Domaschka bei der Preisverleihung.

benchANT findet auf Knopfdruck die passende Cloud-basierte Datenbank

Das ausgezeichnete Konzept der Ulmer Gründer ist gleichermaßen innovativ wie praktisch: Das Ulmer Startup benchANT hat eine automatisierte Entscheidungshilfe entwickelt, die aus einer Vielzahl von Datenbanken und Cloud-Diensten die jeweils beste Kombination liefert; und das auf Knopfdruck. „Wir helfen Unternehmen dabei, die für sie besten Cloud-basierten Datenbank-Lösungen zu finden. Anstatt teure IT-Expertisen einzukaufen oder bei der Do-it-yourself-Recherche im Internet Gefahr zu laufen, unvollständige oder falsche Informationen zu erhalten, bieten wir Daten-basierte Entscheidungshilfen. Und das schnell, unabhängig und kostengünstig“, erklären die drei benchANT-Gründer.

Die digitale Benchmarking-Plattform sucht anhand unterschiedlicher Performance-Indikatoren wie Durchsatz, Latenz, Skalierbarkeit, Verfügbarkeit und Kosten das jeweils passende Cloud-Datenbank-Setup. Das System favorisiert genau die cloudbasierten Datenbanklösungen, die am besten auf den Nutzer und seine Anforderungen zugeschnitten sind. Und was benchANT so besonders macht: Die Kundinnen und Kunden können eigenhändig mit der Benchmarking-Plattform arbeiten und sich unterschiedliche Konfigurationen selbst zusammenstellen, beispielsweise um das für sie beste Preis-Leistungs-Verhältnis zu finden. Hier geht es also um ein sogenanntes „Benchmarking as a Service“-Angebot.

Das Startup wurde bereits mit einer EXIST-Förderung ausgezeichnet

Hervorgegangen ist das Startup benchANT (ANT steht als Abkürzung für Any New Technology) aus einem langjährigen Forschungsprojekt des Instituts für Organisation und Management von Informationssystemen (OMI) der Universität Ulm. Für „Benchmarking as a Service“ (BaaS), so der ursprüngliche Projektname, haben die Informatiker Dr. Jörg Domaschka und Dr. Daniel Seybold sowie ihr Mitgründer, der Wirtschaftsphysiker Jan Ocker, zu Beginn des Jahres bereits eine EXIST-Förderung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) in Höhe von über 950 000 Euro erhalten.

Alf Henryk Wulf, Vorstandsvorsitzender bwcon e.V., betonte bei der Eröffnung der Veranstaltung, „dass die jungen Gründerteams Großartiges schaffen. Sie zeigen uns Jahr für Jahr, was Mut und Durchhaltevermögen leisten können. Und zum zweiten Mal unter Pandemie-Bedingungen beweisen Sie, dass der Gründergeist in Baden-Württemberg auch unter schwierigsten Umständen ununterbrochen stark ist.“ Der Gründerpreis gilt als wichtigste Plattform für Hightech-Start-ups in Baden-Württemberg. Übrigens hat 2020 ebenfalls eine Ausgründung der Universität Ulm einen CyberOne Award abgeräumt, nämlich das Startup AURIVUS, das modernste Sensortechnologien und Künstliche Intelligenz einsetzt, um computergestützte 3D-Modelle von Gebäuden zu erstellen. Zweimal hintereinander ging diese renommierte Auszeichnung für Hightech-Startups also an die Uni Ulm!


Hintergrund:
Der CyberOne Hightech Award wird von der Wirtschaftsinitiative Baden-Württemberg: Connected e.V. (bwcon) in Partnerschaft mit der Landeskampagne Startup-BW ausgeschrieben, die vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus Baden-Württemberg getragen wird. Der Gründerpreis gilt als wichtigste Plattform für Startups in Baden-Württemberg. Neben den Preisgeldern im Gesamtwert von rund 100 000 Euro, erhalten die neun Finalisten-Teams ein professionelles Vorstellungsvideo, durchlaufen ein Intensiv-Coaching im Rahmen der Unternehmerschule und werden dabei von erfahrenen Mentorinnen und Mentoren für den finalen Pitch bei der CyberOne Preisverleihung vorbereitet. Darüber hinaus profitieren alle Teilnehmenden des Wettbewerbs von dem großen bwcon-Netzwerk mit zahlreichen neuen Kontakten, insbesondere zu relevanten Unternehmen und Kapitalgebern.  

Hintergrund: Cloudbasierte Datenbank-Systeme
IT-Anwendungen, die Datenbanken und Cloud-Dienste verbinden, haben in den letzten Jahren massiv an Bedeutung gewonnen. Doch das Angebotsfeld wird immer unübersichtlicher und komplexer. Mittlerweile gibt es mehr als 500 Datenbanken und mehr als 100 Anbieter für Cloud-Dienste, die insgesamt mehr als 20 000 Cloud-Ressourcen zur Verfügung stellen. Die Alpha-Version von benchANT, die im Sommer fertig gestellt wurde, arbeitet mit Cloud-Plattformen wie Amazon Web Services EC2, Microsoft Azure, Open Telekom Cloud und IONOS Cloud. Integriert in das System sind aktuell außerdem sechs Datenbankmanagementsysteme. Das Angebot wird ständig erweitert, und weitere Cloud- und Datenbank-Dienste können innerhalb weniger Tage auf Anfrage hinzugefügt werden. Für den Test der Alpha-Version in Pilotprojekten sucht das Startup interessierte Unternehmen.


Weitere Informationen zu benchANT:
Jan Ocker, benchANT, Tel.: 0731/50-35451, E-mail: jan.ocker@uni-ulm.de
Video auf Youtube

 

Text und Medienkontakt: Andrea Weber-Tuckermann

 

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news-46156 Thu, 21 Oct 2021 09:28:28 +0200 Förderstipendien für Schülerinnen und Schüler |Elftklässler wirken an Forschungsprojekten mit https://www.uni-ulm.de/home/uni-aktuell/article/foerderstipendien-fuer-schueler/ Die Universität Ulm vergibt acht Förderstipendien für informatikinteressierte Schülerinnen und Schüler. Die ausgewählten Elftklässler können im Projekt „Simulierte Welten“ an echten Forschungsvorhaben mit Bezug zu Computer-Simulationen und mathematischer Modellierung mitwirken. Das Stipendium startet im November und ist mit 1000 Euro dotiert. Der Bewerbungsschluss ist der 31. Oktober.

Für das Schülerstipendium bewerben können sich Jugendliche, die die 11. Klasse eines Gymnasiums im Regierungsbezirk Tübingen besuchen. Gefragt sind außerdem sehr gute Leistungen in den Fächern Mathematik, Naturwissenschaften, Informatik und Technik. Die acht Stipendien an der Uni Ulm sind mit bis zu 1000 Euro dotiert. Diese Mittel sollen die Schülerinnen und Schüler vor allem in ihre technische Ausstattung investieren. Dieses Jahr reichen die angebotenen Projektthemen von Optimierungen im „Internet der Dinge“ über grafische Schnittstellen für Simulationen bis hin zur automatischen Schlafmustererkennung aus mobilen Sensordaten.

Unterstützt werden die Stipendiatinnen und Stipendiaten, die jeweils in Zweier-Teams ein Projekt bearbeiten, von Experten des Kommunikations- und Informationszentrums (kiz) der Universität sowie aus den Bereichen Informatik und Ingenieurwissenschaften. Jedes Thema hat Bezug zum Forschungsfeld des Betreuers und stellt einen Mehrwert für dessen eigene Arbeit dar. Einmal monatlich sind virtuelle Besprechungen von Betreuern und Schülern vorgesehen. Zur Halbzeit ist ein gemeinsames Zwischentreffen aller Stipendiatinnen und Stipendiaten geplant.

Das Förderstipendium beginnt Anfang November mit einer digitalen Auftaktveranstaltung und endet im Juli 2022 mit einer voraussichtlich öffentlichen Abschlusspräsentation der Ergebnisse. Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg fördert die Schülerstipendien im Rahmen des Projekts „Simulierte Welten“.

Zur kompletten Ausschreibung sowie alle Informationen zur Bewerbung

 

Text und Medienkontakt: Daniela Stang

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news-46135 Tue, 19 Oct 2021 09:47:04 +0200 Neu entdeckter Gendefekt löst Diabetes aus|Mutationen in ONECUT1 stören Entwicklung der Bauchspeicheldrüse https://www.uni-ulm.de/home/uni-aktuell/article/neu-entdeckter-gendefekt-loest-diabetes-ausmutationen-in-onecut1-gens-stoeren-entwicklung-der-bauchspeicheldruese/ Ein internationales Team unter deutsch-französischer Leitung hat aufgedeckt, dass Mutationen im Gen ONECUT1 Formen von Diabetes auslösen können. Solche Gendefekte führen zur Fehlfunktion der Bauchspeicheldrüse und beeinträchtigen die Insulin-Produktion der Betazellen. Die Studie, an der Forschende des Universitätsklinikums Ulm federführend beteiligt waren, wurde in der hochrenommierten Fachzeitschrift „Nature Medicine“ veröffentlicht. Das Journal gehört mit einem Impact-Faktor von mehr als 53 zu den international führenden in der Medizin. Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Arbeit helfen bei der Personalisierung von Diabetes-Therapien.

Diabetes mellitus ist eine Volkskrankheit. Mehr als sieben Prozent der Erwachsenen in Deutschland leiden unter dieser chronischen Stoffwechselerkrankung, und zunehmend sind auch Kinder davon betroffen. Die Krankheit geht einher mit einem zu hohen Blutzuckerspiegel, der langfristig mit gravierenden Folgeerkrankungen verbunden ist. Ursachen, Krankheitszeichen und -verläufe unterscheiden sich je nach Diabetes-Typ. Neben den klassischen Diabetesformen, bekannt als Typ 1 und Typ 2 Diabetes, existieren auch seltenere Formen, bei denen die Erkrankung monogenetisch ist, also durch einen einzigen Gendefekt ausgelöst wird.

Ein internationales Forschungsteam konnte nun in einer „Nature Medicine“-Studie zeigen, dass Mutationen im Gen ONECUT1 eine Schlüsselrolle bei der Entstehung bestimmter Diabetes-Formen spielen. Nicht nur bei Patientengruppen mit monogenetischem Diabetes fanden die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Gendefekte in ONECUT1. Sie konnten darüber hinaus auch nachweisen, dass Varianten dieses Gens bei speziellen Formen von Typ 2 Diabetes eine wichtige Rolle spielen, die sich im frühen Erwachsenenalter zeigen.

Die Entdeckung ist von hoher klinischer Relevanz

„Mit unserer Studie konnten wir ein bisher unbekanntes humanes Diabetes-Gen identifizieren“, erklärt Heisenberg-Professor Alexander Kleger, Leiter der Pankreas-Arbeitsgruppe an der Klinik für Innere Medizin I des Universitätsklinikums Ulm. „Diese Entdeckung ist von hoher klinischer Relevanz, weil sie uns dabei helfen kann, Diabetes-Erkrankungen personalisiert zu behandeln und dabei den genetischen Besonderheiten des Einzelnen Rechnung zu tragen “, ergänzt der Mediziner. Kleger hat zusammen mit Dr. Cécile Julier, Humangenetikerin am renommierten Cochin Institut in Paris, die Studie geleitet. Den Forscherinnen und Forschern ist es nicht nur gelungen, diesen speziellen genetischen Defekt bei Menschen mit Diabetes-Erkrankungen nachzuweisen, sie konnten darüber hinaus auch den Mechanismus näher beleuchten, wie die ONECUT1-Varianten die Funktion der insulin-produzierenden Beta-Zellen beeinträchtigen. Das Gen ONECUT1 spielt nämlich eine wesentliche Rolle in der Pankreasentwicklung. Mutationen in diesem wichtigen Gen stören diesen komplexen Prozess an verschiedenen Stellen.

Um die molekular-genetischen Netzwerke der Pankreasentwicklung besser verstehen zu können, wurden humane pluripotente Stammzellen mit deaktiviertem ONECUT1-Gen zu Pankreaszellen differenziert. Außerdem wurden Hautzellen von Patienten zu Stammzellen re-programmiert, die danach wiederum zu Pankreaszellen entwickelt wurden. Das Ergebnis dieser aufwändigen Laboruntersuchungen zeigte, dass die Bildung von Vorläuferzellen der Bauchspeicheldrüse durch die neu entdeckten ONECUT1-Genvarianten entscheidend beeinträchtigt war und zudem die Insulin-produzierenden Beta-Zellen des Pankreas in ihrer Funktion der Blutzuckerregulation nachhaltig gestört waren.

Das Forschungsteam konnte zudem die molekular-genetischen Mechanismen entschlüsseln, die diese Funktionsstörung auslösen. „Es zeigte sich unter anderem, dass Mutationen im ONECUT1-Gen andere Transkriptionsfaktoren bei der Bindung an die DNA behindert haben und somit Pankreas-spezifische Genexpressionsregulatoren in ihrer Aktivität reduziert waren“, betont die Ulmer Wissenschaftlerin Dr. Sandra Heller, die zusammen mit dem Bioinformatiker Professor Ivan Costa vom Uniklinikum Aachen zu den vier Erstautoren der „Nature Medicine“-Veröffentlichung gehört.

Das Ergebnis ist ein Meilenstein zur personalisierten Diabetes-Therapie

„Das Ergebnis dieser gemeinsamen Studie ist ein Meilenstein. Sie zeigt, wie die Zusammenarbeit aus klinischer Medizin, Humangenetik und patientennaher Grundlagenforschung helfen kann, eine komplexe Stoffwechselerkrankung besser zu verstehen. Vermeintliche Fälle von klassischem Typ 2 Diabetes beispielsweise entpuppen sich bei genauerer Betrachtung als Fälle von monogenetischem Diabetes. Dies ist nicht zuletzt für die Steuerung der Therapie der Betroffenen bedeutsam“, so die Forschenden.

Beteiligt an dem internationalen und interdisziplinären Gemeinschaftsprojekt waren Forschende aus Deutschland, Frankreich und den USA, aus dem Libanon, den Vereinten Arabischen Emiraten sowie Österreich und Singapur. Professor Alexander Kleger leitete den funktionellen, Dr. Cécile Julier den genetischen Teil der Studie. Für die Studie wurde eine französische Indexfamilie von Professor Marc Nicolino charakterisiert. Eine baden-württembergische Patientenkohorte mit einem früh-manifestierten Typ 2 Diabetes wurde von Professor Bernhard Böhm rekrutiert. Die wissenschaftliche Arbeit wurde maßgeblich durch ein Kollaborationsprojekt des französischen Agence Nationale de la Recherche (ANR) und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt, sowie durch das Boehringer Ingelheim Ulm University BioCenter „BIU 2.0“.

 

Zum Hintergrund: Das Gen ONECUT1 kodiert für ein Protein mit dem Namen One cut homeobox 1. Dieses Protein agiert als sogenannter Transkriptionsfaktor, der ein- oder ausgeschaltet darüber entscheidet, ob bestimmte Gene aktiv sind oder nicht. Transkriptionsfaktoren sorgen allgemein dafür, dass die genetische Information der DNA in der richtigen Zelle, zur richtigen Zeit und in der richtigen Menge in sogenannte Boten-RNA transformiert wird. Diese mRNA wiederum liefert die Baupläne für die Biosynthese bestimmter Proteinen, die selbst wiederum eine Vielzahl von Funktionen erfüllen. ONECUT1 ist ein Teil einer ganzen Familie von Genen, die für Proteine kodieren, die gleichermaßen eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung von Bauchspeicheldrüse und Leber spielen.

 

Literaturhinweis:
Mutations and variants of ONECUT1 in diabetes
A. Philippi, S. Heller, I. G. Costa, V. Senée, M. Breunig, Z. Li, G. Kwon, R. Russell, A. Illing, Q. Lin, M. Hohwieler, A. Degavre, P. Zalloua, S. Liebau, M. Schuster, J. Krumm, X. Zhang, R. Geusz, J. R. Benthuysen, A. Wang, J. Chiou, K. Gaulton, H. Neubauer, E. Simon, Th. Klein, M. Wagner, G. Nair, C. Besse, C. Dandine-Roulland, R. Olaso, J.-F. Deleuze, B. Kuster, M. Hebrok, Th. Seufferlein, M. Sander, B. O. Boehm, F. Oswald, M. Nicolino, C. Julier, A. Kleger, In: Nature Medicine, 18 October 2021

doi.org/10.1038/s41591-021-01502-7
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Text und Medienkontakt: Andrea Weber-Tuckermann

 

 

 

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news-46128 Mon, 18 Oct 2021 15:42:42 +0200 Neues Trainingshospital für Medizinstudierende eröffnet: Fit für praktische und kommunikative Herausforderungen des Arztberufs https://www.uni-ulm.de/home/uni-aktuell/article/neues-trainingshospital-fuer-medizinstudierende-eroeffnet-fit-fuer-praktische-und-kommunikative-herausforderungen-des-arztberufs/ Im neuen Trainingshospital der Universität Ulm werden Ärztinnen und Ärzte von morgen praxisnah ausgebildet: Heute ist der Neubau „ToTrainU“ mit über 3000 m2 Nutzfläche feierlich eröffnet worden. Bereits im gerade angelaufenen Wintersemester werden Medizinstudierende Untersuchungs- und Behandlungsmethoden in verschiedenen Simulationsräumen einüben, die beispielsweise einer Hausarztpraxis oder einem Schockraum ähneln. Außerdem beherbergt der Neubau den mit 450 Plätzen größten Hörsaal der Universität Ulm.

Für einen erfolgreichen Einstieg in den Arztberuf brauchen Medizinstudierende nicht nur Fachwissen, sondern auch praktisches und kommunikatives Geschick. Solche für die Patientenversorgung wichtigen Fähigkeiten können ab sofort im Ulmer Trainingshospital „ToTrainU“ (TTU) erworben und vertieft werden. Auf mehreren Etagen stehen flexibel nutzbare Simulations- und Lernräume für die angehenden Ärztinnen und Ärzte bereit – von der realitätsnahen Hausarztpraxis über die Notaufnahme bis hin zum Operationssaal. „Willkommen in der Zukunft der medizinischen Lehre! Die Eröffnung des Trainingshospitals hebt das Medizinstudium an der Universität Ulm auf die nächste Ebene: Das Simulationstraining bereitet die Studierenden optimal auf den klinischen Ausbildungsabschnitt vor – und insbesondere auf ihre Stationen in Kliniken oder Praxen“, erklärte Professor Thomas Wirth, Dekan der Medizinischen Fakultät bei der Einweihungsfeier.

Simulationsräume mit modernster Medientechnik

In ihren Grußworten betonten Ulms Oberbürgermeister Gunter Czisch sowie Universitätspräsident Professor Michael Weber die große Bedeutung des Trainingshospitals für das Medizinstudium. Dr. Hans J. Reiter, Amtschef des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst (MWK), sagte anlässlich der Eröffnung: „Die Medizinische Fakultät Ulm hat allen Grund, mit Stolz auf das fertiggestellte Gebäude zu blicken. Es bietet hervorragende neue Möglichkeiten für die Ausbildung der Studierenden und wird einen wesentlichen Beitrag dabei leisten, den Studierenden die notwendigen praktischen Fertigkeiten und kommunikativen Fähigkeiten zu vermitteln.“ Mögliche Ausbildungsszenarien im TTU sind vielfältig und umfassen sowohl das Anamnesegespräch mit Schauspiel-Patientinnen und -Patienten als auch die Versorgung lebensbedrohlich verletzter „Dummy-Puppen“ im Schockraum. Unter realitätsnahen Bedingungen können Fertigkeiten wie chirurgisches Nähen, die Blutabnahme, Reanimation oder auch ein sicheres, empathisches Auftreten eingeübt werden. „Alle Simulations- und Prüfungsräume sind mit moderner Medientechnik ausgestattet: Aus Regie- und Beobachtungsräumen können Lehrende die angehenden Ärztinnen und Ärzte anleiten und wenn nötig Hilfestellung geben“, erläuterte Humanmedizin-Studiendekan Professor Tobias Böckers, der an der Konzeption des Trainingshospitals maßgeblich beteiligt war.

450 Plätze: Größter Uni-Hörsaal im Trainingshospital

Bei der Eröffnungsfeier und den anschließenden Rundgängen stellte der leitende Baudirektor Wilmuth Lindenthal (Vermögen und Bau Baden-Württemberg, Amt Ulm) Besonderheiten des Neubaus an der Meyerhofstraße vor. Neben den Behandlungsräumen und einem Lehrlabor für die Molekulare Medizin beherbergt das TTU unter anderem den bis dato größten Hörsaal der Universität Ulm mit 450 Plätzen. Außerdem zieht die Dekanatsverwaltung der Medizinischen Fakultät in das markante Gebäude mit der grünen Fassade ein. Die Gesamtkosten inklusive Erstausstattung belaufen sich nach rund drei Jahren Bauzeit auf 25 Millionen Euro – finanziert von der Medizinischen Fakultät und dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst.

Unmittelbar nach der feierlichen Eröffnung durften auch die künftigen Nutzerinnen und Nutzer das Trainingshospital zum ersten Mal besuchen: Medizinstudierende aus verschiedenen Semestern hörten den Eröffnungsvortrag im neuen TTU-Hörsaal.
 

Flyer ToTrainU - Vermögen und Bau BW, Amt Ulm
 

Text und Medienkontakt: Annika Bingmann

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news-46126 Mon, 18 Oct 2021 10:40:39 +0200 Willkommen zurück auf dem Campus!!|Studierende der Uni Ulm starten ins Wintersemester 2021/22 https://www.uni-ulm.de/home/uni-aktuell/article/willkommen-zurueck-auf-dem-campusstudierende-der-uni-ulm-starten-ins-wintersemester-2021-22/ Am heutigen Montag, den 18. Oktober, wurde an der Universität Ulm das Wintersemester eröffnet. Das Besondere: Nach drei Online-Semestern soll der überwiegende Teil der Lehrveranstaltungen nun endlich wieder in Präsenz stattfinden. „Für uns alle ist dieses Semester ein Neustart. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen mit unseren Studierenden und wünschen Ihnen einen guten Einstieg ins Studium“, so die Vizepräsidentin für Lehre, Professorin Olga Pollatos in ihrem Begrüßungsschreiben, das kurz vor Semesterstart an alle Studierende verschickt wurde.

Etwas mehr als 10 200 junge Leute werden im neuen Wintersemester an der Universität Ulm studieren. Die Zahl der Ersteinschreibungen liegt aktuell bei 1047 und kann erwartungsgemäß bis Ende Oktober noch leicht ansteigen. Dabei handelt es sich in der Regel um klassische Erstsemester, die frisch von der Schule kommen. Zu den Fächern mit dem größten Zulauf gehört mit Abstand das Fach Medizin, danach folgen Psychologie, Biologie, Wirtschaftswissenschaften und Informatik.

Nicht nur die Studierenden sind froh darüber, dass nach eineinhalb Jahren Online-Betrieb ein Großteil der Lehrveranstaltungen wieder vor Ort an der Universität stattfinden kann. „Wir freuen uns riesig, dass das Leben wieder auf den Campus zurückkehrt“, so Uni-Präsident Professor Michael Weber im Begrüßungsvideo zum Wintersemester. Den Studierenden komme nun natürlich jetzt zugute, dass mit der vorangetriebenen Digitalisierungsoffensive viele neue Formate für eine gute Lehre entwickelt wurden. Julius Schürrle begrüßte im Video die neuen Studierenden im Namen der Verfassten Studierendenschaft (StuVe) und fordert sie auf, am Campusleben aktiv teilzunehmen. Weber und Schürrle waren sich dabei einig, dass der beste Weg in die Normalität über die COVID-Impfung führe: „Der beste Garant für einen ungestörten Lehrbetrieb ist eine hohe Impfquote!“

Erste Hinweise lassen zwar davon ausgehen, dass unter den Studierenden überdurchschnittlich viele Geimpfte sind, belastbare Zahlen liefert hier jedoch ein 3G-Modellversuch, für den stichprobenartig und anonymisiert der Anteil an Geimpften und Genesenen ermittelt wird. Studierende, die bisher noch keine Gelegenheit zur Impfung hatten, haben am 20. Oktober (8:00 bis 12:00 Uhr) und 27. Oktober (12:00 bis 17:30 Uhr) die Möglichkeit, sich von einem mobilen Impfteam des Deutschen Roten Kreuzes an der Universität in O25 im Bistro „Southside“ (1.OG) impfen zu lassen.

An der Uni Ulm gelten weiterhin die gesetzlich vorgeschriebenen Corona-Schutzmaßnahmen und Hygiene-Regeln. Studierende, die an Lehrveranstaltungen vor Ort an der Universität Ulm teilnehmen möchten, brauchen dafür einen 3G-Nachweis (geimpft – genesen – getestet). Dies gilt auch für den Aufenthalt auf Lernflächen oder in der Bibliothek. Gültige Nachweise sind negative Antigen-Schnelltests, die nicht älter sind als 24 Stunden beziehungsweise PCR-Tests nicht älter als 48 Stunden – ausgegeben von zertifizierten Teststationen.

Text und Medienkontakt: Andrea Weber-Tuckermann

 

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news-46015 Tue, 12 Oct 2021 08:21:28 +0200 Forschung im Neubau Multidimensionale Trauma-Wissenschaften|Grundstein für die Zukunft der Ulmer Traumaforschung gelegt https://www.uni-ulm.de/home/uni-aktuell/article/forschung-im-neubau-multidimensionale-trauma-wissenschaftenden-grundstein-fuer-die-zukunft-der-ulmer-traumaforschung-gelegt/ Zur Pressemitteilung des Ministeriums für Finanzen Baden-Württemberg
 

Verkehrsunfälle, Terroranschläge und Gewalttaten haben eines gemeinsam: Opfer mit schwersten Verletzungen. Die medizinische Versorgung von Patienten mit mehrfachen Knochenbrüchen und massiv verletzten Organen ist äußerst anspruchsvoll. Unkontrollierte Immunreaktionen im ganzen Körper führen nicht selten zu Entzündungen, Multi-Organversagen und Tod. Hauptziele der Ulmer Traumaforschung sind ein tieferes Verständnis solcher komplexen Verletzungen und neue therapeutische Ansätze. Ab 2024 bietet der Neubau Multidimensionale Trauma-Wissenschaften (MTW) den international anerkannten Forschenden optimale Rahmenbedingungen: Jetzt wurde der Grundstein gelegt.

Mit Hochdruck forschen Ulmer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der Aufklärung der hochkomplexen Wechselwirkungen, die gerade Mehrfach-Verletzungen so gefährlich machen. Diese Forschung zählt zu den strategischen Entwicklungsbereichen der Uni Ulm und ist nicht zuletzt gesellschaftlich hochrelevant: Traumata sind immerhin die häufigste Todesursache von Menschen unter 45 Jahren. Jährlich verursachen solche Verletzungen Gesundheitskosten von rund 30 Milliarden Euro und mehr – dazu kommen massive Arbeitsausfälle. „Das fächerübergreifende Zusammenspiel von grundlagenorientierter und klinischer Forschung ist das Alleinstellungsmerkmal der Ulmer Traumaforschung: Scheinbar weit entfernte Disziplinen wie Unfallchirurgie, Biochemie, Genetik und Psychiatrie wirken in der Ulmer Traumaforschung zusammen, die im MTW-Gebäude eine neue Heimat findet“, erklärt Professor Thomas Wirth, Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Ulm.

Basis der Ulmer Traumaforschung sind der seit 2015 geförderte Sonderforschungsbereich (SFB 1149) „Gefahrenantwort, Störfaktoren und regeneratives Potenzial nach akutem Trauma“ sowie klinische Forschergruppen. Übergeordnetes Ziel des SFB ist ein tiefes Verständnis der Folgen körperlicher Verletzungen. „Die Forschungsprogrammatik des MTW geht weit über bisherige Fragestellungen hinaus. Mechanismen und Folgen von Verletzungen sollen künftig in vielfältigen Dimensionen untersucht werden: Von der molekularen und zellulären Ebene über den Gesamtorganismus bis hin zur gesellschaftlichen Dimension. Unsere Forschungsvorhaben betreffen die gesamte Lebensspanne des Menschen und darüber hinaus. Denn einmal erlittene Traumata können sich sogar auf Folgegenerationen auswirken“, erklärt Professor Markus Huber-Lang, Gründungsdirektor des Forschungsbaus Multidimensionale Trauma-Wissenschaften.

Maßgeschneidertes Gebäude für die Traumaforschung

Im Neubau MTW werden über 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit modernsten Untersuchungsmethoden verschiedene Aspekte der Traumaforschung in den Blick nehmen – darunter insbesondere die Entschlüsselung von Funktionsstörungen nach Verletzungen, das Schädel-Hirn-Trauma, die Interaktion des verletzten Körpers mit Mikroorganismen, die Regenerations- und Heilungsfähigkeit nach schweren Verletzungen und das Wechselspiel zwischen körperlichen und psychischen Traumata. „Aus den neuen Erkenntnissen sollen letztlich innovative und passgenaue Therapien für Traumapatientinnen und -patienten entwickelt werden", erklärt Professorin Anita Ignatius, stellvertretende Gründungsdirektorin des einzigartigen Gebäudes.

Für ihre Forschung werden den 19 interdisziplinären Arbeitsgruppen im Neubau biomedizinische Labore der Sicherheitsstufe 2, bildgebende Verfahren sowie eine Biobank zur Verfügung stehen. Im eigenen Studienzentrum können künftig Patientinnen und Patienten untersucht und Proben genommen werden. Ein großer Standortvorteil ist die Nähe zum Universitätsklinikum Ulm, zum Bundeswehrkrankenhaus sowie zu naturwissenschaftlichen Instituten der Universität. In unmittelbarere Nachbarschaft befindet sich zudem die Blutspendezentrale des Deutschen Roten Kreuz (DRK). Kurzum: Auf dem Campus der Universität Ulm wurde nicht nur der Grundstein für den Forschungsbau MTW gelegt, sondern für die Zukunft der Traumaforschung.

Das Forschungsgebäude MTW wird jeweils hälftig vom Bund sowie vom Land und der Medizinischen Fakultät der Universität Ulm finanziert. Die Gesamtkosten belaufen sich auf 73 Millionen Euro.

Text und Medienkontakt: Annika Bingmann

 

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news-45971 Wed, 06 Oct 2021 11:30:00 +0200 Späte Ehrung für jüdisch-stämmigen Hämatologen|Stadt Ulm und Universität weihen Hans-Hirschfeld-Platz ein https://www.uni-ulm.de/home/uni-aktuell/article/spaete-ehrung-fuer-juedisch-staemmigen-haematologenstadt-ulm-und-universitaet-weihen-hans-hirschfeld-platz-ein/ Wer sich von Norden her der Universität Ulm nähert, kommt nicht mehr an ihm vorbei: an dem jüdisch-stämmigen Mediziner Professor Hans Hirschfeld (1873 - 1944). Der berühmte Hämatologe gehörte in den 1930er Jahren zu den weltweit führenden Wissenschaftlern auf diesem Gebiet. Er wurde 1942 von den Nationalsozialisten ins KZ Theresienstadt deportiert und dort ermordet. Diesem herausragenden Forscher hat die Stadt Ulm auf Initiative der Universität Ulm einen eigenen Platz gewidmet: den Hans-Hirschfeld-Kreisel.

Feierlich eingeweiht wurde der neue Platz, der die Albert-Einstein-Allee und den James-Franck-Ring miteinander verbindet, mit einem öffentlichen Festakt am Montag, den 4. Oktober. Mehr als 200 Menschen, darunter rund 140 geladene Gäste, erwiesen Hans Hirschfeld die Ehre. Darunter waren Abgeordnete aus Bundestag, Landtag und Stadtrat, hohe Repräsentanten des Staates Israels, der jüdischen Gemeinde und des Zentralrats der Juden in Deutschland, Vertreter der Stadt und Bürgerschaft sowie zahlreiche Universitätsangehörige, insbesondere aus der Professorenschaft.

Einen festen Platz in der Zeremonie hatten auch die Studierenden der Uni. Nach der Begrüßung durch Oberbürgermeister Gunter Czisch enthüllten Studenten und Studentinnen die Stele und die neuen Straßenschilder, die die Stadt Ulm für Hans Hirschfeld aufstellen ließ. „Stadt, Land und Universität ehren gemeinsam diesen besonderen Arzt und  Forscher, um ihn aus der Vergessenheit zu holen“, sagte Czisch. In ihrem Grußwort, in dem Wissenschaftsministerin Theresia Bauer an den Brandanschlag auf die Ulmer Synagoge vor einem Jahr erinnerte, hob die Landespolitikerin auch Grundsätzliches hervor: „Mit der Einweihung dieses Platzes würdigen wir den Mediziner Hans Hirschfeld und zeigen, dass er, sein Wirken und seine Forschungsarbeiten nicht vergessen sind. Wir wollen aber auch darauf aufmerksam machen, welche Mechanismen des Verdrängens und Vergessens im Nachkriegsdeutschland oftmals gegriffen haben und wer diese aktiv befördert hat, um davon möglicherweise auch selbst zu profitieren.“

Die Erinnerung an Hans Hirschfeld und sein Werk wurde aktiv getilgt

Nicht zuletzt aufgrund der aktiven Tilgung seiner wissenschaftlichen Verdienste und Publikationsleistungen gerieten Hans Hirschfeld und sein Beitrag zur medizinischen Forschung in Deutschland in Vergessenheit. Eine unrühmliche Rolle spielten hier auch prominente Gründerpersönlichkeiten der Universität Ulm wie der renommierte Mediziner Professor Ludwig Heilmeyer, der ein Fachkollege Hirschfelds war und sich skrupellos dessen publizistischen Vermächtnisses bediente. Der Ulmer Medizinhistoriker Professor Florian Steger hatte im Rahmen des 50. Universitätsjubiläums im Jahr 2017 bereits ausführlich auf diese unredliche Übernahme hingewiesen und vor Kurzem eine umfassende politische Biographie Ludwig Heilmeyers publiziert.

Universitätspräsident Professor Michael Weber betonte in seinem Grußwort, dass die Hochschulen in ihrer Autonomie eine besondere Verantwortung tragen und dabei nicht nur der Wissenschaft, sondern auch dem Grundgesetz verpflichtet sind: „Der Hans Hirschfeld-Platz soll uns nicht nur an das Vergangene erinnern. Vielmehr soll er uns zugleich Mahnung für die Gegenwart und Zukunft sein. Ein Symbol für herausragende Wissenschaft und für die Verpflichtung zur wissenschaftlichen Redlichkeit und zu den Werten unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung.“ In die Zukunft gewandt, und dabei dem Vergangenen verpflichtet, waren auch die Worte von Professor Thomas Wirth. Der Dekan der medizinischen Fakultät sieht in der Benennung dieses zentralen Platzes am Eingangstor zum Campus auf dem Oberen Eselsberg eine große Chance. Sie könne verstanden werden als Aufforderung an Alle – an die Forschenden und Lehrenden, sowie an die Bürgerinnen und Bürger – dem Vergessen und Verleugnen Einhalt zu gebieten.

Professorin Barbara Traub, die Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg erinnerte an die jahrhundertelange kulturelle und wissenschaftliche Bereicherung Deutschlands durch jüdisches Leben. Es ist ihr ein großes Anliegen, Hans Hirschfeld, diesen herausragenden Wissenschaftler und besonderen Menschen, gemeinsam dem Vergessen zu entreißen. „Die deutsch-jüdische Geschichte ist nicht vorbei, wir alle schreiben sie längst weiter“, so Traub, die auch Präsidiumsmitglied des Zentralrates der Juden in Deutschland ist. Ihr folgte auf das Rednerpult Professor Peter Voswinckel. Der Medizinhistoriker leitet seit vielen Jahren die historische Forschungsstelle und das Archiv der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) in Berlin. Anlässlich des 75. Geburtstags der DGHO (2012) hat sich Voswinckel mit den historischen Schattenseiten der Fachgesellschaft auseinandergesetzt und einen wesentlichen Beitrag zur wissenschaftlichen Rehabilitierung von Professor Hans Hirschfeld geleistet. „Verweigerte Ehre“ lautet der Titel der Jubiläumsbroschüre, die dem Nestor der deutschen Hämatologie gewidmet ist. Diese steht stellvertretend für alle von den Nationalsozialisten vernichteten und von Fachkollegen verdrängten und vergessenen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen dieses Fachgebiets. Der Hämatologe Hirschfeld dachte vor seiner Deportation: Das wird die Welt nicht zulassen, dass ihm etwas passiert! „Und dann war Hirschfeld tot und sein Werk vergessen. Wie konnte das geschehen?“, fragt Voswinckel.

Einladung an die Anwesenden, das vielschichtige Erbe mit der Familie zu teilen

Über Herkunft und die Verbundenheit mit der Vergangenheit sprach beim Festakt ein Mitglied der Familie. Der Kulturanthropologe Dr. Jan Watzlawik erzählte, wie alle Verstorbenen in der Familie weiterleben, ob sie nun öffentlich sichtbar blieben wie Hans Hirschfeld oder nicht. Darunter waren sowohl welche, die ermordet wurden, emigriert sind und viel Leid erfahren haben und eben auch andere, die Täter waren. „Herkunft ist nicht immer leicht“, so Watzlawik, der die Anwesenden dazu einlud, mit seiner Familie dieses vielschichtige Erbe zu teilen.

Für die Studierenden sprach Sven Fauth von der Verfassten Studierendenschaft der Uni Ulm. Fauth wies darauf hin, dass auch heute noch viele Wahrheiten unausgesprochen bleiben. „Das Vergangene bestimmt aber das, was heute ist. Wir als Studierende müssen uns entscheiden, in welcher Tradition wir leben wollen“, sagte der Student.

Musikalisch beendet hat die Einweihungsfeier Michael Lutzeier mit seinem Baritonsaxofon und Cole Porters „Begin the Beguine“. Mehrfach gedankt wurde zuvor dem Hauptinitiator der Platzbenennung. Professor Peter Gierschik, Leiter des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie, hat in enger Abstimmung mit der Stadt Ulm, dem Stadtarchivdirektor Professor Michael Wettengel und mit Dr. Nicola Wenge, der Leiterin des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg (DZOK), diese besondere Initiative auf den Weg gebracht. Eine wichtige Roll spielten dabei auch Professor Peter Voswinckel und der Ulmer Medizinhistoriker Professor Florian Steger. „Es geht uns darum, ein spätes Zeichen der Anerkennung zu setzen für einen ausgezeichneten Hämatologen, der seines Lebens, seiner Würde und Ehre beraubt wurde. Außerdem wollen wir junge Menschen im Hier und Heute sensibilisieren gegenüber frühen Anzeichen von Intoleranz, sozialer und religiöser Diskriminierung“, erklärt Gierschik.

 

Hans Hirschfeld-Ausstellung im Forum der Universität

Im Anschluss an die rund einstündige Einweihungsfeier wurde im Forum der Universität die Hans-Hirschfeld-Ausstellung der DGHO eröffnet. Begleitet hat den Rundgang Professor Voswinckel, der zahlreiche historische Originaldokumente für die Ausstellung zusammengetragen hat. Darunter Zeugnisse von Hirschfelds wissenschaftlicher Arbeit aber auch umfangreiche Materialien der nationalsozialistischen Existenzvernichtungs-Bürokratie wie Vermögensaufstellungen, Inventarlisten und „Heimeinkaufsvertrag“. Doch das Ehepaar Hirschfeld kam nicht ins Altersheim, sondern ins KZ, wo Hans Hirschfeld am 26. August 1944 starb. Seine Frau hat überlebt und ist nach dem Krieg ihren Kindern ins Ausland nachgefolgt. Zu sehen ist die Ausstellung noch bis Mitte November. Danach zieht sie um ins DZOK.

Biografische Informationen zur Hans Hirschfeld gibt es hier!

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Peter Gierschik, Direktor des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie, Universitätsklinikum Ulm, E-Mail: peter.gierschik@uni-ulm.de, Tel.: 0731 /  500 – 65500

Buchpublikation:
Florian Steger und Jan Jeskow: Ludwig Heilmeyer. Eine politische Biographie, Steiner Verlag 2021 (link)

Text und Medienkontakt: Andrea Weber-Tuckermann

 

 

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news-45945 Wed, 29 Sep 2021 11:17:36 +0200 Mehr als Genchirurgie: Schwerpunktprogramm zu CRISPR-Cas verlängert|Vom Viren-Abwehrsystem zum molekularbiologischen Wunderwerkzeug https://www.uni-ulm.de/home/uni-aktuell/article/mehr-als-genchirurgie-schwerpunktprogramm-zu-crispr-cas-verlaengertvom-viren-abwehrsystem-zum-molekularbiologischen-wunderwerkzeu/ Die Genschere CRISPR-Cas9 hat in weniger als 15 Jahren die Lebenswissenschaften revolutioniert. Dank dieser neuen Schlüsseltechnologie lässt sich das Erbgut von Menschen, Pflanzen oder Tieren zielgerichtet verändern: Dadurch wird das so genannte Genome Editing zum Hoffnungsträger für die Behandlung von Erbkrankheiten oder etwa für die Entwicklung schädlingsresistenter Nutzpflanzen. An der Universität Ulm forscht Professorin Anita Marchfelder, Leiterin des Instituts für Molekulare Botanik, zu Grundlagen und neuen Anwendungen des Systems CRISPR-Cas, die über das Genome Editing hinausgehen. Jetzt wurde das von ihr koordinierte Schwerpunktprogramm für weitere drei Jahre von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit fast 5 Millionen Euro verlängert.

Im vergangenen Jahr sind die Entwicklerinnen der Genschere CRISPR-Cas9, die Professorinnen Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna, mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden. Durch den gezielten Einsatz dieser molekularbiologischen Schere (Genome Editing) können Gene ausgeschaltet, verändert oder an anderer Stelle eingefügt werden.
Der Aufstieg des Systems CRISPR-Cas zum Universalwerkzeug der Lebenswissenschaften mag überraschen, denn die Technologie beruht auf einer antiviralen Abwehrstrategie von Bakterien und Archaeen – bei letzteren handelt es sich um urtümliche, einzellige Mikroorganismen. Alles begann mit der Beobachtung, dass solche Einzeller nach einer Virenattacke Fragmente des Angreifers in ihr Erbgut einbauen. Beim erneuten Kontakt erkennen bestimmte RNA-Moleküle (CRISPR und tracrRNA) den Feind wieder, woraufhin Cas9-Proteine das Virus zerschneiden. Tatsächlich vererben Bakterien und Archaeen die Gefahreninformation über virale Angreifer sogar an nachfolgende Generationen. Auf diesen besonderen Funktionen basieren biotechnologische Anwendungen des Systems CRISPR-Cas wie die Genschere – hierbei lotsen RNA-Moleküle die Cas9-Proteine zur exakten Schneidestelle im Erbgut.

Nobelpreisträgerin ist assoziiertes Mitglied

„Die Entdeckung des Genome Editings hat die Arbeit in Laboren von Grund auf geändert“, erklärt Professorin Anita Marchfelder. Die Leiterin des Instituts für Molekulare Botanik gilt als Expertin für Archaeen und das System CRISPR-Cas an der Universität Ulm. Nun wurde bekannt, dass das von ihr koordinierte Schwerpunktprogramm 2141 für weitere drei Jahre von der DFG gefördert wird. Das verlängerte Programm baut auf der DFG-Forschungsgruppe „Unravelling the procaryotic immune system“ auf, die Marchfelder von 2012 bis 2017 leitete. Die Nobelpreisträgerin Emmanuelle Charpentier, heute Leiterin der Max-Planck-Forschungsstelle für die Wissenschaft der Pathogene in Berlin, gehörte bereits der DFG-Forschungsgruppe an und ist auch in Zukunft assoziiertes Mitglied des Schwerpunktprogramms.

In der ersten Förderperiode des Schwerpunktprogramms „Weitaus mehr als nur Verteidigung: die verschiedenen Funktionen des CRISPR-Cas-Systems“ hat die Gruppe um Marchfelder vor allem grundlegende Fragestellungen behandelt. Bei ihrer Forschung entdeckten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aber auch neue Funktionen des CRISPR-Cas-Systems. Beispiele reichen vom Einfluss auf die Ansteckungsfähigkeit von Bakterien über die Biofilmbildung bis hin zur Erbgut-Reparatur. „In der jetzt anlaufenden zweiten Förderphase werden wir weiterhin CRISPR-Cas-Systeme untersuchen, die über den Verteidigungsmechanismus der Genschere hinausgehen. Diese Systeme haben Einfluss auf den horizontalen Gentransfer und damit auf die Entwicklung der bakteriellen und archaealen Arten sowie auf die Ökologie“, erklärt Marchfelder. Betrachtet werden zum Beispiel Abläufe in der Zelle wie DNA-Reparaturvorgänge, Signaltransduktions-Systeme und die Genregulation. Die Schwerpunktgruppe nimmt allerdings auch Proteine in den Blick, die  gegen die CRISPR-Cas-Systeme wirken. Diese könnten beispielsweise als Regulatoren der Genschere eingesetzt werden.

Neue Proteine und Anwendungen im Blick

Insgesamt untersuchen die 16 Forschergruppen nicht nur das für die Genchirurgie relevante Protein Cas9, sondern auch andere Eiweiße. In jüngster Zeit wurde zum Beispiel Cas13 in der Diagnostik für einen neuartigen COVID-Schnelltest genutzt. Weitere Anwendungsmöglichkeiten alternativer Cas-Proteine finden sich in der Lebensmittelindustrie, wo modifizierte Bakterien und Archaeen eingesetzt werden.
Selbstverständlich werden im Schwerpunktprogramm auch weiterhin ethisch-moralische Fragen rund ums Genome Editing betrachtet. Schließlich machen beispielsweise gentherapeutische Einsätze des CRISPR-Cas-Systems Eingriffe ins Erbgut nötig.

Mit Blick auf die kommenden drei Jahre betont Anita Marchfelder: „Für die Lebenswissenschaften stellt das CRISPR-Cas-System eine riesige Schatztruhe dar, aus der neben der Genschere eine Fülle von weiteren molekularbiologischen Werkzeugen entwickelt werden. Auch in Zukunft sind viele neue Anwendungen zu erwarten.“

Über DFG-Schwerpunktprogramme

Schwerpunktprogramme der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) behandeln aktuelle, oftmals neue Forschungsthemen und dienen der Weiterentwicklung der Wissenschaft. Hierzu bündeln überregional und interdisziplinär Forschende in bis zu 30 Einzelprojekte ihre Expertise. Die Förderung ist auf sechs Jahre ausgelegt – aufgeteilt in zwei Förderphasen.

Text und Medienkontakt: Annika Bingmann

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news-45942 Tue, 28 Sep 2021 14:52:02 +0200 Wenn Bakterien etwas gegen Bakterien haben|Genetisch veränderte Bodenbakterien stellen Antibiotika-Alternative her https://www.uni-ulm.de/home/uni-aktuell/article/wenn-bakterien-etwas-gegen-bakterien-habengenetisch-veraenderte-bodenbakterien-stellen-antibiotika-alternative-her/ Einem Forschungsteam um das Ulmer Institut für Mikrobiologie und Biotechnologie ist es gelungen, mit Hilfe gentechnisch veränderter Bodenbakterien (Corynebacterium glutamicum) antimikrobielle Wirkstoffe in Reinform herzustellen. Die so hergestellten Bacteriocine könnten als Antibiotika-Alternative zur Bekämpfung bakterieller Krankheitserreger eingesetzt werden. Und auch bei der Konservierung von Lebensmitteln könnten diese antibakteriellen Peptide wertvolle Dienste leisten.

Bakterienstämme sind gerne unter sich. Um sich unliebsame Nahrungskonkurrenten vom Leib zu halten, produzieren sie antimikrobielle Substanzen, die verhindern sollen, dass sich andere Bakterienstämme in ihrer Umgebung ausbreiten. Diese sogenannten Bacteriocine werden heute schon in der Nahrungsmittelindustrie eingesetzt, um Lebensmittel zu konservieren. Bacteriocine haben aber auch enormes medizinisches Potential. Vor dem Hintergrund zunehmender Antibiotika-Resistenzen gelten sie als vielversprechende Alternativen zur Behandlung von Infektionen, die durch humanpathogene Bakterien ausgelöst werden.
„Für die klinische Anwendung solcher Bacteriocine braucht es neuartige, großtechnische Verfahren, die es möglich machen, die Effizienz der Produktion und die Reinheit des Stoffes massiv zu verbessern“, erklärt Professor Christian Riedel vom Institut für Mikrobiologie und Biotechnologie an der Universität Ulm. Der Mikrobiologe hat in einer Studie für die Fachzeitschrift „Metabolic Engineering“ aufgezeigt, wie dies biotechnologisch möglich ist.

Bisher werden Bacteriocine ausschließlich mit natürlichen Bakterien in aufwändigen Fermentationsprozessen hergestellt, bei denen komplexe und teure Nährmedien verwendet werden. So entstehen bestenfalls halbgereinigte Präparate oder Rohfermente. Für den medizinischen Einsatz – beispielsweise als Antibiotika-Ersatz – müssen die Bacteriocine aus diesen „natürlichen“ Fermentationsverfahren aufwendig gereinigt werden. Doch das ist teuer und daher wirtschaftlich uninteressant. Nun ist es Christian Riedel mit seinem Ulmer Team und anderen Fachkolleginnen und -kollegen aus Deutschland, Norwegen, Dänemark und Österreich gelungen, das Bakterium Corynebacterium glutamicum gentechnisch so zu verändern, dass es ein hochwirksames antimikrobielles Peptid (Pediocin PA-1) in Reinform herstellt. Das als Produktionswirt eingesetzte Bakterium ist ein nicht-pathogenes Bodenbakterium, das seit langem als natürlicher Produzent von Aminosäuren – beispielsweise des Geschmacksverstärkers Glutamat – bekannt ist und das heute eine wichtige Rolle als biotechnologischer Plattformorganismus spielt.

Die gentechnisch veränderen Bakterien stellen ein Bacteriocin gegen Listerien her

Die Forschenden haben das Bakterium mit synthetischen, zielgenau funktionalisierten Genen ausgestattet, die die Produktion des Bacteriocins bewerkstelligen. Pediocin PA-1 wirkt besonders gut gegen Listeria monocytogenes. Diese Bakterien sind in der Umwelt weit verbreitet. Werden sie allerdings über kontaminierte Nahrungsmittel wie Rohkäse aufgenommen, können sie bei Menschen eine gefährliche, mitunter sogar tödlich verlaufende Listeriose auslösen.

Mehrere Herausforderungen mussten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bewältigen, um das in der Fachzeitschrift Metabolic Engineering veröffentlichte Projekt, erfolgreich zu meistern. Die größte Herausforderung: Wie bringt man Bakterien dazu, antimikrobielle Substanzen zu produzieren, die für den Produzenten potentiell toxisch sind? Und wieso hat das von C. glutamicum synthetisierte Pediocin Pa-1 keine schädigende Wirkung auf das Bodenbakterium? Das Forschungsteam um Riedel hat sich hier eine biologische Besonderheit der Mikrobe zunutze gemacht. „Corynebacterium glutamicum hat keine Rezeptoren, an denen das Bacteriocin andocken kann. Es ist daher resistent gegen dessen antibakterielle Wirkung. Ein Glücksfall für uns!“, betont Dr. Oliver Goldbeck. Der Postdoc ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Mikrobiologie und Biotechnologie und Erstautor der Studie. Außerdem gelang es dem Forschungsteam, die synthetische Bacteriocin-Produktion vom Labormaßstab auf einen großtechnischen Pilotmaßstab für die Industrieproduktion zu skalieren.

Künstliche Gene machen die Bakterien anspruchsloser: Sie verwerten Nährstoffe aus Holzabfällen

Eine dritte Stoßrichtung des Projektes bestand darin, die zugrundeliegende Fermentertechnologie billiger und ressourcenschonender zu machen. „Anstatt teurer Nährmedien verwenden wir Abfallstoffe aus der Holzindustrie als Substrate für die Produktion“, erklärt Riedel. Dafür haben die Kooperationspartner an der Universität des Saarlandes aus der Arbeitsgruppe von Professor Christoph Wittmann weitere genetische Veränderungen am bakteriellen Produktionswirt vorgenommen. „Dies macht es für unsere Bakterien möglich, Zucker und organische Säuren aus den Holzabfällen zu verwerten, um daraus schließlich die antimikrobiellen Peptide zu bilden“, sagt der Forscher. Den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die an diesem Projekt beteiligt waren, ist es also nicht nur gelungen, „nützliche“ Bakterien für sich arbeiten zu lassen, um Wirkstoffe gegen „schädliche“ Bakterien zu gewinnen. Sie haben es zugleich geschafft, ihre anspruchsvollen Nützlinge genügsamer zu machen, um diese in Zukunft preiswerter und umweltfreundlicher ernähren zu können.

Das Projekt ist Teil des internationalen Forschungsverbundes „iFermenter“, der von der EU im Rahmen von Horizon2020 mit rund 5,25 Millionen Euro gefördert und von der Norwegian University of Science and Technology koordiniert wird. Im Fokus des Verbundvorhabens steht die Entwicklung einer intelligenten Bioprozesstechnologie, die es möglich macht, antimikrobielle Proteine aus Abfällen der Holzindustrie zu synthetisieren. Die Ziele sind: zuckerhaltige Reststoffströme einer wertschöpfenden Verwertung zuführen und damit zugleich biotechnologische Produktionsprozesse günstiger und ressourcenschonender zu machen. Die Universität Ulm ist mit Teilprojekten in der Höhe von 452 000 Euro an „iFermenter“ beteiligt.

Literaturhinweis:
Establishing recombinant production of pediocin PA-1 in Corynebacterium glutamicum
OliverGoldbeck, Dominique N.Desef, Kirill V.Ovchinnikov, Fernando Perez-Garcia, Jens Christmann, Peter Sinner, Peter Crauwels, Dominik Weixler, Peng Cao, Judith Becker, Michael Kohlstedt, Julian Kager, Bernhard J. Eikmanns, Gerd M. Seibold, Christoph Herwig, Christoph Wittmann, Nadav S.Bar, Dzung B.Diep und Christian U. Riedel in: Metabolic Engineering. 2021 Sep 4; 68:34-45.
doi: 10.1016/j.ymben.2021.09.002. Online ahead of print.

 

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news-45867 Fri, 10 Sep 2021 09:07:21 +0200 Fördererfolg für Ulmer Physiker |EXIST II für Mess-Systeme von Sensific https://www.uni-ulm.de/home/uni-aktuell/article/exist-ii-mess-systeme-sensific/ Mit ihrem Unternehmen Sensific haben drei Ulmer Wissenschaftler einen weiteren Schritt hin zu einer erfolgreichen Unternehmensgründung gemacht. Nach einer ersten Förderphase wurden die Gründer für die Anschlussförderung EXIST II des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) ausgewählt. Nun bekommt die Ausgründung der Universität Ulm erneut bis zu 180 000 Euro, um das Start-up rund um ein optisches Mess- und Automatisierungs-System am Markt zu etablieren und die Technologie weiterzuentwickeln.

Zellen, Bakterien und Partikel in Echtzeit erkennen, charakterisieren und gleichzeitig sortieren – Das ist das Verfahren, mit dem sich die junge Sensific GmbH an Kunden aus den Lebenswissenschaften, der Medizin, der Umwelttechnik, der Biotechnologie und der Prozesskontrolle richtet. Die drei Gründer von Sensific, Dr. Daniel Geiger, Dr. Tobias Neckernuß und Dr. Jonas Pfeil, haben sich während ihrer Promotion am Institut für Experimentelle Physik der Universität Ulm kennengelernt. Damals ist auch der Wunsch entstanden, ein eigenes Unternehmen zu gründen.

Das erste Produkt der Firma – ein neuartiges Mess- und Automatisierungssystem – ist speziell auf die Anforderungen aktueller Forschung zugeschnitten. Das Bildverarbeitungssystem kombiniert moderne Bildsensorik mit einer Datenverarbeitungseinheit sowie einer leistungsfähigen Analyse- und Kontrollsoftware. Anwendung findet diese Technik in erster Linie bei Forschungseinrichtungen. Dort ermöglicht sie beispielsweise komplett neue Ansätze bei der Entwicklung von Krebstherapien oder bei der Diagnostik von Infektionskrankheiten. „Besonders ist auch die unkomplizierte Integration unseres Systems. Es kann einfach an bestehende optische Systeme angeschlossen werden“, erklärt Entwicklungsleiter Dr. Jonas Pfeil.

Um sich für das Förderprogramm EXIST II zu qualifizieren, haben die Alumni Ende vergangenen Jahres eine eigene Firma, die Sensific GmbH, gegründet und Beteiligungskapital eingebracht. Nun erhalten die Jungunternehmer für ein weiteres Jahr bis zu 180 000 Euro staatliche Förderung. Außerdem ist das Start-up durch ein Kooperations- und Lizenzierungsabkommen mit der Universität Ulm weiterhin eng verbunden und kann Ausstattung und Infrastruktur auf dem Campus nutzen. „In den nächsten zwölf Monaten wollen wir unser Produktportfolio erweitern und den Kundenstamm ausbauen. Wir sind insgesamt mit der Geschäftsentwicklung sehr zufrieden, obwohl die Pandemie viele Dinge erschwert hat. So sind viele Messen abgesagt worden und auch persönliche Vorstellungen unseres Systems bei potenziellen Kunden waren nicht möglich“, so Dr. Daniel Geiger, der im Gründerteam für Marketing und Vertrieb zuständig ist.

In der vergangenen Förderphase (EXIST I) haben die Gründer von April 2019 bis Juli 2021 bereits rund 700 000 Euro vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie erhalten. Damit konnte das Trio – damals unter dem Projektnamen CellMouse – den ersten Prototypen ihres Systems entwickeln. Außerdem bot das BMWi Workshops und Networking für die Unternehmensgründung an. „Durch die Förderung haben wir in der kurzen Zeit das nötige Knowhow entwickelt und die technologische Basis geschaffen, um ein Unternehmen zu gründen und zu führen. Ohne EXIST und den breiten Rückhalt durch die Universität – insbesondere unseren Institutsleiter Professor Othmar Marti – wäre die Gründung sehr viel schwerer gewesen“, erzählt Dr. Tobias Neckernuß, der Spezialist im Unternehmen für Verwaltung, Personal und Finanzen.

Für die Zukunft planen die Gründer für Sensific eine nachhaltige Unternehmensstrategie und wollen organisch wachsen. Im nächsten Schritt sollen die ersten zusätzlichen Mitarbeitenden eingestellt werden und die junge Firma will mit ihrem Produkt internationale Märkte außerhalb der EU erschließen. Und auch das nun erworbene Wissen rund um „Unternehmensgründung aus der Wissenschaft“ wollen Dr. Daniel Geiger, Dr. Tobias Neckernuß und Dr. Jonas Pfeil weitergeben. Ihr Ziel: andere junge Forschende auf dem Weg in die Selbständigkeit und hin zum eigenen Unternehmen unterstützen und bestärken.


Über EXIST:
EXIST ist ein Förderprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) für Existenzgründungen aus der Wissenschaft. Zu den Zielen von EXIST gehört es, das Gründungsklima an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen zu verbessern sowie technologieorientierte und wissensbasierte Unternehmensgründungen zu fördern. Hierzu unterstützt das BMWi Hochschulabsolventinnen, -absolventen, Forschende sowie Studierende bei der Vorbereitung einer Existenzgründung.
Der EXIST-Forschungstransfer besteht aus zwei Förderphasen: In der ersten Phase sollen Forschungsergebnisse mit Gründungspotenzial weiterentwickelt werden. Ziel ist es, Fragen zur Umsetzung wissenschaftlicher Ergebnisse in technische Produkte und Verfahren zu klären, einen Businessplan auszuarbeiten und die geplante Unternehmensgründung vorzubereiten. In der zweiten Förderphase stehen weitere Entwicklungsarbeiten, die Aufnahme der Geschäftstätigkeit sowie die Vorbereitungen für eine externe Unternehmensfinanzierung im Fokus. Das BMWi-Förderprogramm EXIST-Forschungstransfer wird durch den Europäischen Sozialfonds kofinanziert.


Text und Medienkontakt: Daniela Stang

 

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news-45841 Fri, 03 Sep 2021 13:06:41 +0200 Erfolg im THE World University Ranking|Universität Ulm unter den zehn Prozent besten Hochschulen https://www.uni-ulm.de/home/uni-aktuell/article/erfolg-im-the-world-university-rankinguniversitaet-ulm-unter-den-zehn-prozent-besten-hochschulen/ Die Universität Ulm kann beim renommierten THE World University Ranking 2022 punkten: Im internationalen Vergleich von über 1600 Universitäten erreicht die Ulmer Uni Rang 146 und platziert sich somit unter den zehn Prozent besten Hochschulen weltweit. In Baden-Württemberg liegen lediglich die deutlich größeren und älteren Universitäten Heidelberg, Tübingen und Freiburg vor der Ulmer Universität. Die Universität Mannheim ist gleichauf.

Das Ranking des britischen Magazins „Times Higher Education“ (THE) wird von der Universität Oxford angeführt – gefolgt von den US-Hochschulen California Institute of Technology  und Harvard. Beste deutsche Universität ist die LMU München auf Rang 32.
DIE THE-Rangliste beruht auf 13 Leistungsindikatoren aus den Bereichen Forschung, Lehre, Wissenstransfer und Internationalität. Anhand von Befragungen unter Forschenden und Datenerhebungen in fünf Kategorien (Lehre, internationale Ausrichtung, Industriemittel, Forschung und Zitationen) wird für jede Universität ein Gesamtwert ermittelt, aus dem sich die jeweilige Platzierung ergibt.

Die Universität Ulm erzielt insbesondere in der Kategorie „Zitationen“ ein exzellentes Ergebnis im nationalen Vergleich: Lediglich Forschende der Berliner Charité sowie der Universitäten Hohenheim, Heidelberg und Bielefeld wurden im Untersuchungszeitrum noch häufiger in Fachjournalen zitiert.
„Das THE-Ranking zeigt, dass sich die Universität Ulm unter den besten Hochschulen weltweit etabliert hat. Insbesondere das hervorragende Abschneiden im Bereich Zitationen in wissenschaftlichen Zeitschriften belegt unsere Forschungsstärke“, resümiert Universitätspräsident Professor Michael Weber.

Zum THE World University Ranking 2022

Text und Medienkontakt: Annika Bingmann

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news-45834 Thu, 02 Sep 2021 09:53:21 +0200 Wie sinnvoll sind die Feinstaub-Grenzwerte? |Studie zeigt: Luftverschmutzung auch unterhalb des Limits gefährlich https://www.uni-ulm.de/home/uni-aktuell/article/wie-sinnvoll-sind-die-feinstaub-grenzwerte-studie-zeigt-luftverschmutzung-auch-unterhalb-des-limits-gefaehrlich/ Menschen, die über einen längeren Zeitraum auch nur geringer Luftverschmutzung ausgesetzt sind, haben ein erhöhtes Risiko, früher zu sterben. Diesen Zusammenhang haben Forschende im Rahmen des Projekts „Effects of Low-Level Air Pollution: A Study in Europe“ (ELAPSE) unter der Leitung der Universität Utrecht (Niederlande) festgestellt. Auch das Ulmer Institut für Epidemiologie und Medizinische Biometrie hat zusammen mit dem Arbeitskreis für Arbeits- und Sozialmedizin in Vorarlberg zur multizentrischen Studie beigetragen – unter anderem mit anonymisierten Daten von rund 170 000 Personen. Die Auswertung ist nun in der renommierten Fachzeitschrift „British Medical Journal“ (BMJ) erschienen.

Feinstaub in der Luft ist gefährlich und kann Atemwegs- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen. Deshalb gibt es weltweit Grenz- und Richtwerte, die die Belastung für den Menschen mit diesen Klein- und Kleinstpartikeln anzeigen. Doch welche Auswirkungen haben Feinstaub-Konzentrationen unterhalb der festgelegten Grenzwerte auf die Gesundheit? Um diese Forschungsfrage zu beantworten, haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler innerhalb des ELAPSE-Projekts die Daten von acht bevölkerungsbasierten Kohorten aus sieben europäischen Ländern ausgewertet. In Befragungen machten die Probandinnen und Probanden, die alle in einer eher ländlichen, das heißt feinstaubärmeren Umgebung leben, detaillierte Angaben zu ihrem Lebensstil. Forschende des Instituts für Epidemiologie und Medizinische Biometrie der Universität Ulm unter der Leitung von Professor Dietrich Rothenbacher haben zur Studie die anonymisierten Daten von rund 170 000 Personen des „Vorarlberg Health Monitoring and Prevention Programme“ beigetragen und diese in Zusammenhang mit der Sterblichkeit gestellt. Seit langem kooperieren Professorin Gabriele Nagel und Dr. Gudrun Weinmayr mit dem Arbeitskreis für Arbeits- und Sozialmedizin des österreichischen Bundeslandes.

„Die meisten Studien zum Zusammenhang zwischen Feinstaub- und Stickoxidbelastung und erhöhter Sterblichkeit fanden in Städten mit relativ hohen Schadstoffkonzentrationen statt. Deshalb gab es bislang keine aussagekräftigen Erhebungen bei Personen, die nur niedrigen Konzentrationen ausgesetzt waren. In unserer Studie konnten wir nun zeigen, dass auch Feinstaubbelastungen unterhalb der gültigen Grenzwerte mit erhöhter Mortalität einhergehen“, erklärt Dr. Gudrun Weinmayr, die zur Auswertung und Interpretation der internationalen Studie beigetragen hat.

In der Studie interessierten sich die Forschenden vor allem für die Konzentrationen von kleinsten Partikeln in der Luft der Wohnorte der Probandinnen und Probanden. Sie untersuchten die Belastung mit Feinstaub (PM2.5), Stickstoffdioxid (NO2), Ozon (O3) und Rußpartikeln. Diese ermittelten Luftverschmutzungskonzentrationen basieren auf Messungen, Satellitenbeobachtungen und Daten zur Landnutzung wie beispielsweise der Verkehrsdichte oder der Anteil an Industrie- oder Grünflächen.

Bei rund 325 000 Erwachsenen, die über einen Zeitraum von durchschnittlich 19,5 Jahren beobachtet wurden, konnte ein Anstieg des Sterberisikos von 13 Prozent beobachtet werden. Diese Steigerung ging mit einer Erhöhung um 5 µg/m3 Feinstaub mit einem aerodynamischen Durchmesser kleiner als 2,5 µm (PM2.5) einher. Wurden nur die  Personen betrachtet, die an Orten mit Konzentrationen von weniger als 12µg/m3 (dem US-Grenzwert) wohnten, betrug der Anstieg sogar 30 Prozent. Das heißt, jede Belastung mit Feinstaub ist mit einem signifikant erhöhten Risiko für eine erhöhte Sterblichkeit verbunden. Auch für Stickstoffdioxid und Rußpartikel war ein Anstieg des Sterberisikos selbst bei geringen Konzentrationen zu beobachten.

„Luftverschmutzung trägt – wie aus früheren Studien bereits bekannt – ursächlich zu vielen chronischen Erkrankungen bei, was maßgeblich zur erhöhten Sterblichkeit führt. Selbst bei niedrigen Verschmutzungswerten unterhalb der geltenden Grenz- und Richtwerte ist Luftverschmutzung noch gefährlich“, so Dr. Gudrun Weinmayr. Die Ergebnisse der Untersuchung, an der Forschende aus ganz Europa beteiligt waren, sind daher ein wichtiger Beitrag zur Debatte rund um die Überarbeitung von Luftqualitätsgrenzwerten und zur Anpassung von Leitlinien und Normen sowie für die künftigen Bewertungen der globalen Krankheitslast (Global Burden of Disease).


Literaturhinweis:
Strak M, Weinmayr G, Rodopolou S, Chen J, de Hoogh K, Andersen Z J, Atkinson R, Bauwelinck M, Bekkevold T, Bellander T, Boutron-Ruault MC, Brandt J, Cesaroni G, Concin H, Fecht D, Forastiere F, Gulliver J, Hertel O, Hoffmann B, Hvidtfeldt U, Janssen N, Jöckel KH, Jørgensen J, Ketzel M, Klompmaker J, Lager A, Leander K, Liu S, Ljungman P, Magnusson P, Mehta A, Nagel G, Oftedal B, Pershagen G, Peters A, Raaschou-Nielsen O, Renzi M, Rizzuto D, van der Schouw Y, Schramm S, Severi G, Sigsgaard T, Sørensen M, Stafoggia M, Tjønneland A, Verschuren M, Vienneau D, Wolf K, Katsouyanni K, Brunekreef B, Hoek G, Samoli E: Long-term exposure to low-level air pollution and nonaccidental mortality – a pooled analysis of eight European cohorts within the ELAPSE project. BMJ 2021; 374: n1904
https://doi.org/10.1136/bmj.n1904

 

Text und Medienkontakt: Daniela Stang

Am 20.September sind nun die neu aktualisierten WHO-Richtlinien erschienen, die der Gefährdung auch bei niedrigen Konzentrationen Rechnung tragen. Wie diese Richtlinien unsere Gesundheit bevölkerungsweit positiv beeinflussen können finden sie in folgender Stellungnahme.

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news-45827 Fri, 27 Aug 2021 14:37:29 +0200 „Wissenschaft Zukunft – Wissen schafft Zukunft“ |Hybride Herbstakademie richtet den Blick auf das Morgen https://www.uni-ulm.de/home/uni-aktuell/article/wissenschaft-zukunft-wissen-schafft-zukunft-hybride-herbstakademie-richtet-den-blick-auf-das-morgen/ Welche Technologien brauchen wir für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts? Welche jungen Forschungsdisziplinen werden sich in Zukunft als hilfreich und unentbehrlich erweisen? Diesen und weiteren Fragestellungen, die verschiedene Bereiche von der Quantentechnologie bis hin zur Elektromobilität berühren, widmen sich die sechs Referentinnen und Referenten der hybriden Herbstakademie des Zentrums für Allgemeine Wissenschaftliche Weiterbildung (ZAWiW) der Universität Ulm. Vom 28. bis zum 30. September erläutern sie den aktuellen Forschungsstand ihres Fachs und beleuchten Chancen und Risiken. Der Anmeldeschluss ist Mittwoch, 15. September.

Die diesjährige Akademiewoche des ZAWiW „Wissenschaft Zukunft – Wissen schafft Zukunft“ ist als hybride Veranstaltung geplant. Das heißt: Eine begrenzte Anzahl an Personen kann – mit einem Getestet-, Geimpft- oder Genesen-Nachweis (3G-Regel) und unter Beachtung der Hygienemaßnahmen – die angebotenen Vorträge live im Hörsaal verfolgen. Aber auch online, von zuhause aus, können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Vorträge verfolgen. Die Zugangsdaten werden nach der Anmeldung mitgeteilt. Die Rednerinnen und Redner sprechen teilweise vor Ort im Hörsaal 4/5 der Uni Ulm oder sie werden über Video-Stream zugeschaltet. Alle Arbeitsgruppen sowie die Angebote in der Mittagspause („Botanische Mittagspause“ und „Bewegte Pause“) finden ebenfalls online statt.

Die Eröffnung der Akademiewoche (Dienstag, 28. September, 9:45 Uhr, H 4/5) bestreitet Universitätspräsident Professor Michael Weber live im Hörsaal. Danach führt Dr. Markus Marquard, Geschäftsführer des ZAWiW, in die Akademiewoche ein. Den Eröffnungsvortrag (10:00 Uhr) hält Professor Hansjörg Dittus, Vorstandsmitglied des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Der Physiker spricht über „Quantentechnologie in der Raumfahrt“ und zeigt die zukünftigen Einsatzgebiete dieser Technologie auf, die von der hochgenauen Navigation bis hin zur sicheren Nachrichtenübertragung reichen.
Am Mittwochvormittag (10:00 Uhr, H 4/5) stellt Soziologie-Professor Rudolf Stichweh vom Bonner Forum Internationale Wissenschaft in Präsenz eine Verbindung zwischen dem Wissenschaftssystem der Moderne und der Wissensproduktion der Zukunft her.
Zum Abschluss der Herbstakademie am Donnerstagnachmittag (16:00, H 4/5) zeigt Dr. Margret Wohlfahrt-Mehrens die „Technologietrends für die Elektromobilität“. Wohlfahrt-Mehrens arbeitet am Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) in Ulm seit 30 Jahren an der Erforschung und Entwicklung neuer Materialien für Batteriesysteme.
In 14 unterschiedlichen Arbeitsgruppen am Nachmittag (nur online, jeweils 13:00 – 15:30 Uhr) können sich die Teilnehmenden weiteren Themen, wie beispielsweise dem Künstler Joseph Beuys zum 100. Geburtstag oder der Epoche der Aufklärung, widmen. Aber es gibt auch die Möglichkeit, das Titelthema „Wissenschaft Zukunft“ zu vertiefen: zum Beispiel in der AG „Nachhaltigkeit von Batterien“ oder im Workshop zum Thema Klimawandel.


Vorträge im Überblick:
•    Dienstag, 28. September, 10:00 – 11:30 Uhr: Quantentechnologie in der Raumfahrt. Prof. Dr. Hansjörg Dittus (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, DLR, Köln)
•    Dienstag, 28. September, 16:00 – 17:30 Uhr: Klein aber oho – Die Taufliege Drosophila als Modell zum Verständnis menschlicher Krankheiten. Prof. Dr. Elisabeth Knust (Max-Planck-Institut für Molekulare Zellbiologie und Genetik, Dresden)
•    Mittwoch, 29. September, 10:00 – 11:30 Uhr: Das Wissenschaftssystem der Moderne und die Wissensproduktion der Zukunft. Prof. Dr. Rudolf Stichweh (Forum Internationale Wissenschaft, Bonn)
•    Mittwoch, 29. September, 16:00 – 17:30 Uhr Künstliche Intelligenz – Safety und Security von vornherein mitdenken. Prof. Dr. Frank Köster (Institut für KI-Sicherheit DLR, Sankt Augustin und Ulm)
•    Donnerstag, 30. September, 10:00 – 11:30 Uhr: Bitcoin, Token & Co – Chancen, Nutzen, Risiken der Blockchain-Technologie aus der Perspektive der Rechtswissenschaft. Prof. Dr. Heribert Anzinger (Institut für Rechnungswesen und Wirtschaftsprüfung, Universität Ulm)
•    Donnerstag, 30. September, 16:00 – 17:30 Uhr: Technologietrends für die Elektromobilität. Dr. Margret Wohlfahrt-Mehrens (Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg, ZSW, Ulm)


Ausführliches Programm und Anmeldung: https://akademie.zawiw.de/.
Die Anmeldung ist bis Mittwoch, 15. September, möglich. Fragen beantwortet das ZAWiW-Sekretariat (Dienstag und Donnerstag, 8:00 – 13:00 Uhr, Tel.: 0731/50-26601, info(at)zawiw.de).

Die Teilnahmegebühr beträgt 50 Euro pro Person. Mitglieder des ZAWiW-Förderkreises zahlen 40 Euro.


Text und Medienkontakt: Daniela Stang

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news-45750 Thu, 19 Aug 2021 12:56:36 +0200 Neue Zertifikatskurse in der Onkologie |Intensiv-Fortbildungsangebot von „Advanced Oncology“ https://www.uni-ulm.de/home/uni-aktuell/article/neue-zertifikatskurse-in-der-onkologie-intensiv-fortbildungsangebot-von-advanced-oncology/ Mit den Zertifikatskursen „Interdisciplinary Oncology“ und „Advanced Therapies in Oncology“ bietet die Medizinische Fakultät der Universität Ulm Ärztinnen und Ärzten sowie Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftlern ab sofort die Möglichkeit, ihr Fachwissen über Krebsforschung und -behandlung kompakt online zu erweitern. In den beiden englischsprachigen Kursen vermitteln internationale Expertinnen und Experten aus Krankenversorgung und Krebsforschung ein breites Spektrum an Spezialwissen. Anmeldeschluss für die Kurse ab Oktober 2021 ist Mittwoch, 15. September.

Die Bevölkerung wird immer älter: Dadurch steigt auch die Wahrscheinlichkeit für Krebserkrankungen. Gleichzeitig senken Innovationen in der Onkologie die Sterblichkeit und viele Krebserkrankungen entwickeln sich zu chronischen Krankheiten unter Langzeitbetreuung. Weltweit wächst deshalb die Nachfrage nach akademischen Weiterbildungen für Onkologinnen und Onkologen. Neben umfangreichen klinischen Kompetenzen in verschiedenen Bereichen der Krebsbehandlung werden auch Aspekte der personalisierten und patientenzentrierten Medizin, Expertise in der Durchführung klinischer Studien und die professionelle Leitung von onkologischen Einrichtungen nachgefragt.

Seit rund einem Jahrzehnt bietet die Medizinische Fakultät der Universität Ulm mit dem berufsbegleitenden Studiengang „Master Online Advanced Oncology“ ein maßgeschneidertes Angebot für die fachliche Weiterbildung. Dieser Studiengang vermittelt neben aktuellen Therapieempfehlungen auch die zugrundeliegenden molekularen Ursachen sowie onkologisch orientierte Betriebswirtschafts- und Managementlehre und persönliches Coaching. Nun sind aufgrund der großen Nachfrage zum ersten Mal Module des Master-Studiengangs auch als zertifizierte Einzel-Weiterbildungen („Certificate of Advanced Studies“) buchbar: Angeboten werden „Interdisciplinary Oncology“ sowie „Advanced Therapies in Oncology“.

„Anspruchsvoll und kompakt! Die Zertifikate von ‚Advanced Oncology‘ sind perfekt auf den Fortbildungsbedarf in der Krebstherapie, der onkologischen Mitbehandlung oder in der Forschung zugeschnitten. Die Online-Lektionen lassen sich von den Teilnehmenden individuell und flexibel bearbeiten, die Präsenzseminare bieten Gelegenheit zum intensiven Austausch mit Expertinnen und Experten aus aller Welt. In dieser Tiefe ist dies ein einzigartiges Programm“, beschreibt Professor Stephan Stilgenbauer die Ausrichtung der Zertifikatskurse. Stilgenbauer ist Ärztlicher Direktor des Comprehensive Cancer Center Ulm (CCCU) am Universitätsklinikum Ulm und verantwortlich für das Zertifikat „Advanced Therapies in Oncology“.

Ergänzt werden die Lerninhalte durch den fachlichen Austausch der Teilnehmerinnen und Teilnehmer untereinander sowie mit Lehrenden und internationalen Alumni. So wächst das weltweite „Advanced Oncology“-Netzwerk exzellent ausgebildeter Fachkräfte kontinuierlich.
Langjähriger Kooperationspartner von „Advanced Oncology“ ist die European School of Oncology (ESO), eine unabhängig finanzierte, internationale Non-Profit-Organisation, die sich der onkologischen Aus- und Weiterbildung von Ärztinnen und Ärzten verschrieben hat. Teilnehmende der Fortbildung „Advanced Therapies in Oncology“ haben die Möglichkeit, an der ESO-ESMO Masterclass teilzunehmen, dem jährlichen Treffen hochrangiger internationaler Fachkolleginnen und -kollegen.


Überblick über „Interdisciplinary Oncology“ und „Advanced Therapies in Oncology“:
•    Expertise aus Wissenschaft und Praxis
•    Online-Kurse in Verbindung mit je einem einwöchigen Präsenzseminar
•    Kleine Gruppen (max. 20 Teilnehmende)
•    Universitäres Ausbildungsniveau (Certificate of Advanced Studies) und CME zertifiziert
•    Individuelles Coaching
•    Internationales Networking
•    Unterrichtssprache: Englisch
•    Kosten: ab 4875 Euro pro Kurs
•    Dauer: 5 Monate (jährlich ab Oktober), Anmeldeschluss: 15. September

 

Mehr Informationen und Anmeldung zu den Zertifikatskursen


Text und Medienkontakt: Daniela Stang

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news-45736 Fri, 13 Aug 2021 10:58:43 +0200 Paradigmenwechsel in der Immunologie|„Adaptive Toleranz“ balanciert Autoimmunreaktion aus https://www.uni-ulm.de/home/uni-aktuell/article/paradigmenwechsel-in-der-immunologieadaptive-toleranz-balanciert-autoimmunreaktion-aus/ Immunologen der Ulmer Universitätsmedizin haben ein neuartiges Modell entwickelt, das die Behandlung von Autoimmunerkrankungen oder die Impfstoff-Entwicklung revolutionieren könnte. Gemäß der „adaptiven Toleranz“ sind autoreaktive Antikörper keineswegs Krankheitstreiber, die der gesunde Organismus frühzeitig beseitigt. Vielmehr lösen sie die Bildung einer Antikörper-Klasse aus, die körpereigene Strukturen schützt. Die Ulmer Forschenden um Professor Hassan Jumaa haben diesen Paradigmenwechsel zuerst im renommierten EMBO Journal beschrieben.

Autoimmunkrankheiten sind in Industriestaaten weit verbreitet: Rund 5 Prozent der Bevölkerung leidet an Erkrankungen wie Diabetes Typ 1 oder Rheuma, bei denen sich die Immunabwehr gegen körpereigene Strukturen richtet. Als Krankheitstreiber galten bislang so genannte autoreaktive Antikörper, die normalerweise bei der frühen B-Zellentwicklung identifiziert und entfernt werden. Zur Erinnerung: B-Zellen sind ein entscheidender Bestandteil des adaptiven Immunsystems und können die Bildung von erregerspezifischen Antikörpern auslösen. Nun haben Forschende um Professor Hassan Jumaa, Leiter des Ulmer Instituts für Immunologie, die Rolle verschiedener autoreaktiver Antikörper untersucht und letztlich neu definiert.

Im Zentrum des Forschungsvorhabens standen Immunisierungsexperimente im Mausmodell. Als Autoantigen erhielten die gesunden Tiere menschliches Insulin in Form von Eiweißkomplexen. Das Hormon Insulin ist wichtig für den Stoffwechsel: Bei Diabetikerinnen und Diabetikern wird ein Insulinmangel therapiert.
 „Die Mäuse wurden engmaschig, mit Methoden aus der Diabetologie auf Abwehrreaktionen untersucht. Dabei sind wir auf autoreaktive und somit schädliche Antikörper gestoßen, die nach bisherigen Annahmen in den gesunden Mäusen längst eliminiert sein sollten“, erklärt Professor Jumaa. Eine zuvor verbreitete These zu autoreaktiven Antikörpern war also bereits widerlegt. Darüber hinaus stellten die Immunologen fest, dass eine erneute Gabe der Insulin-Eiweißkomplexe den Insulin-spezifischen Antikörpertiter bei den Mäusen hochschnellen ließ. Diese Antikörper vom Typ Immunglobulin-M (igM) konnten die zuvor nachgewiesene Autoimmunreaktion ausbremsen und körperliche Schäden bei den Mäusen abwenden. Die Ulmer Forschenden nennen diesen bislang unbekannten Mechanismus „adaptive Toleranz“.

Forschungsergebnisse auf den Menschen übertragbar

 „Entgegen früherer Annahmen zeigen unsere Untersuchungen, dass eine gesunde Abwehrreaktion die Bildung schützender IgM-Antikörper auslöst. Dadurch wird die Immunantwort moduliert und der Körper vor autoreaktiven Antikörpern geschützt. Demnach scheint ein diverses B-Zellrepertoire schädliche Autoimmunreaktionen durch adaptive IgM-Antikörper abfedern zu können“, resümiert der Erstautor Timm Amendt die Forschungsergebnisse. Die adaptive Toleranz beruht also auf einem Zusammenspiel verschiedener Autoantigen-Komplexe. Gerät dieser Balanceakt durcheinander, können Autoimmunerkrankungen entstehen. Dass sich diese Forschungsergebnisse vom Mausmodell auf den Menschen übertragen lassen, weisen die Immunologen in einer weiterführenden Studie nach, die kürzlich auf einem Preprint-Server erschienen ist.

Insgesamt ermöglicht der Paradigmenwechsel vom statischen zum dynamischen immunologischen Modell („adaptive Toleranz“) ungeahnte Einblicke in die Entstehung und Behandlung von Autoimmunerkrankungen. Im nächsten Schritt wollen die Forschenden um Professor Hassan Jumaa mithilfe des neuen Modells untersuchen, ob adaptive IgM-Antikörper bei der Behandlung oder Vorbeugung von Diabetes eingesetzt werden können. Ein weiteres Anwendungsgebiet ist beispielsweise die Impfstoff-Entwicklung.

Die Untersuchungen wurden an der Medizinischen Fakultät der Universität Ulm bzw. im Institut für Immunologie durchgeführt und teilweise von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt.

 

Amendt T and Jumaa H (2021), Memory IgM protects endogenous insulin from autoimmune destruction, The EMBO Journal.

Preprint-Studie:
Amendt T, Allies G, Nicolo A, El Ayoubi O, Young M, Roeszer T, Setz CS, Warnatz W, Jumaa H (2021), Antibodies control metabolism by regulating insulin homeostasis. https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2021.08.10.455644v1

Text und Medienkontakt: Annika Bingmann

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