Urologie im Nationalsozialismus
In enger Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Urologie, die dieses Projekt initiierte, der Technischen Universität Dresden, der Medizinischen Universität Wien und der American Urological Association arbeitete das Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin 2009-2011 an einem Forschungsprojekt zur Geschichte der Urologie im Nationalsozialismus.
Die tiefe Verstrickung der deutschen Ärzteschaft in das nationalsozialistische Terrorregime und seine Gesundheits-, Bevölkerungs- und Rassenpolitik wirft die Frage auf, warum die breite Masse der Ärzte sich von persönlichen und standesethischen Prinzipien abwandte und statt dessen an der Vertreibung jüdischer Mediziner, Zwangssterilisation von Patienten, Patiententötungen und Menschenversuchen mitwirkte. So kommt es, dass die Medizin in der Zeit des Dritten Reiches ist seit den 1980er Jahren ein intensiv beforschtes Gebiet der Medizingeschichte geworden ist. Während zunächst 30 Jahre nach Ende des Nürnberger Ärzteprozesses mit der Verkündung des „Nuremberg Code of Medical Ethics“ (1947) vor allem die Grundausrichtung der nationalsozialistischen Gesundheitspolitik als einer der Faktoren, die zu einer „Medizin ohne Menschlichkeit“ führen konnten, im Zentrum des Interesses stand, sind in den letzten 20 Jahren in Deutschland und Europa eine Reihe weiterer Themen und Facetten der Medizin im Nationalsozialismus aufgegriffen und beforscht worden.
Für die Urologie in Deutschland sind diese Fragen insbesondere wegen des hohen Anteils jüdischer Mediziner in der alten Gesellschaft für Urologie (DGfU) und ihrem Vorstand wichtig. 1933 war etwa jeder vierte Urologe in Deutschland jüdischer Herkunft , was einen höheren Anteil ausmacht als in der Gesammtärzteschaft, wo der Anteil der jüdischen und jüdischstämmigen Ärzte ein Sechstel ausmachte. Andererseits war der erste deutsche Lehrstuhlinhaber für Urologie Otto Ringleb (1875-1946), Mitglied der SS. Weitere Vorstandmitglieder in der Nachkriegszeit waren in höheren Rängen der NSDAP sowie der SS und weiterer Organisationen aktiv und als potentielle Anwärter auf neu zu besetzende Lehrstühle nach einem möglichen „Endsieg“ seitens ranghoher Parteistellen im Gespräch.
Aus diesen Gründen hat die Deutsche Gesellschaft für Urologie Anfang des Jahres 2009 ein Forschungsprojekt in enger Zusammenarbeit mit Medizinhistorikern aus Dresden, Ulm, Wien und den USA begonnen, um sowohl die Schicksale der vertriebenen Ärzte wie auch Verstrickung der DGfU in den Nationalsozialimus und seine Ideologie zu erforschen. Das Forschungsprojekt fand einen ersten Ednpunkt in einer zweibändigen Publikation.
Urologie im NationalsozialismusAn dem Forschungsprojekt waren beteiligt:
- Prof. Dr. A. Scholz und J. Bellmann, M.A., Dresden, Analyse der „Opferseite“
- Prof. H. Fangerau und M. Krischel, M.A., Institut für Geschichte. Theorie und Ethik der Medizin, Ulm, Analyse der „Täterseite“
- Prof. Dr. M. Skopec, Nitze- Leiter- Forschungsgesellschaft, Wien, Österreichische Urologie
- Dr. R. Engel, William P. Didusch Center for Urological History, Schicksale nach der Emigration
Ansprechpartner:
Dr. Friedrich Moll, M.A., Kliniken der Stadt Köln, Vorsitzender des Arbeitskrieses Geschichte der Akademie Deutscher Urologen, Curator des Museum zur Geschichte der Urologie der Deutschen Gesellschaft für Urologie
Prof. Dr. Heiner Fangerau, Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Universität Ulm
Prof. Dr. Dirk Schultheiss, Archivar der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) und Chairman des History Office der European Association of Urology (EAU)
Matthis Krischel, M.A., Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Universität Ulm