Netzwerke: Allgemeine Theorie oder Universalmetapher in den Wissenschaften?

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit verschiedenen Phänomenen von Vernetzung hat in den letzten Jahren viele interessante Publikationen hervorgebracht. Folgt man Hartmut Böhme, der Netzwerke zu Recht als eine "Leitmetapher der Moderne" definiert (Böhme 2004), so ist eine methodische und konzeptionelle Abgrenzung umso wichtiger. Sind beispielsweise der geistige Austauch in literarischen Salons oder der intendierte Machterhalt in politischen "Seilschaften" immer auch unter dem Aspekt der Verflechtung verstanden worden, so ist die systematische Analyse von Netzwerken erst in den letzten Jahrzehnten vor allem von der Soziologie ausgegangen.

Die Arbeitsgruppe schließt an diese Untersuchungen an und will Möglichkeiten aufzeigen, wie Netzwerke in unterschiedlichen Wissensformen methodisch und konzeptionell eingesetzt und verstanden werden können. Im grundsätzlichen Wortverständnis ist ein Netz ein Gegenstand, mit dem man etwas fängt, ein Gefüge, in dem man sich verstrickt, eine Struktur, die sich selber verknotet, oder aber auch eine Formation, die zusammenhält, verbindet, ordnet und strukturiert. Im wissenschaftlichen Kontext tritt vor allem die strukturierende Bedeutung im Begriff des "Netzwerks" in den Vordergrund. In der historischen Analyse wissenschaftlicher Aktivität, z.B. in der Beschreibung sozialer oder ökonomischer Beziehungen, in der Erklärung neuronaler Prozesse oder biologischer Zusammenhänge und in vielen anderen Wissenschaften kommt der Netzwerkmetapher dabei eine besondere Bedeutung zu. Anders als die denkökonomisch günstige Metapher eines linearen, dicho- oder polytom gegliederten Stamm-, oder Entscheidungsbaumes, mit der sich ebenfalls viele Wissensgebiete klassifizieren, ordnen und strukturieren lassen, erlaubt die Anwendung eines Netzwerkgedankens auch die Analyse von Querverbindungen, die sich nicht rein linear darstellen und die in einer Baumstruktur verloren gehen. Durch die Organisation von Wissens- und Tätigkeitsräumen in Form von Netz-Geographien lassen sich diese vielfältigen lateralen Verknüpfungen aufzeigen. In diesem Zusammenhang stellt die (Re-)Konstruktion von Netzen nicht nur ein retrospektives Konstrukt dar, sondern sie repräsentiert einen Teil der zeitgenössischen, intersubjektiven Wahrnehmung. Heterarchisch stehen dabei verschiedene Formen von Netzwerken nebeneinander, die unter Energieeinsatz intentional geknüpft, erweitert und gepflegt wurden oder werden. In der Wissenschaftssoziologie haben Netzwerkstudien seit Jahrzehnten (vgl. den Überblick bei Weingart 2003), in der Wissenschaftsgeschichte seit den 1990er Jahren Konjunktur. "Denkkollektive" werden untersucht, vernetzte Versuchsanordnungen rekonstruiert und dem verwobenen "Kreislauf wissenschaftlicher Tatsachen" (Latour 2002) wird nachgespürt. Ziel der Arbeitsgruppe ist es, den transdisziplinären Ansatz zu methodischen und konzeptionellen Varianten und zur Bedeutung von Netzwerken respektive der Netzwerkmetapher, wie er bereits im Sammelband „Netzwerke“ (Hg. Fangerau/Halling) weiter zu vertiefen. Einerseits soll ihre Nutzbarmachung für Forschungsansätze in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen exemplarisch untersucht werden. Andererseits soll der Einfluss von Netzwerken auf die Wissenschaften selbst in spannenden Anwendungsbeispielen analysiert werden.

 

Verantwortlich für das Projekt:

Prof. Dr. Heiner Fangerau, Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Universität Ulm

Dr. Igor Polianski, Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Universität Ulm

 

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