Mit weißen Crocs auf der Tanzfläche

Uni-Alumnus Dr. Bora Akyürek ist Impf- und Hausarzt aus Leidenscha‡ft

Dr. Bora Akyürek gehört zu den engagiertesten Impfärzten in der Region. Seine Aktionen sind immer nah bei den Menschen und oft unkonventionell. Ob im Club, im Münster, in der Sportarena oder der Moschee – und natürlich in seinen eigenen drei Praxen: Der 45-jährige deutsch-türkische Hausarzt engagiert sich mit Leidenschaft für die Gesundheit der Menschen. Als Impfarzt kämpft er gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Akyürek ist ein waschechter Ulmer, er ist hier geboren, aufgewachsen und hat von 1997 bis 2003 an der Uni Ulm studiert.

Mann mit Bart und Arztkittel vor einem Sprechzimmer einer Praxis
Dr. Bora Akyürek in seiner Praxis in der Wengengasse

Dr. Bora Akyürek ist mit dem Auto unterwegs ins Allgäu: ein verlängertes Wochenende in der Faschingswoche mit seiner Frau und fünf Kindern, davon drei eigene und zwei von Freunden. Endlich etwas Zeit für die Familie, die in den letzten Wochen und Monaten viel zu kurz gekommen ist. Denn Akyürek ist Allgemeinmediziner und Impfarzt. Seine drei Praxen gehörten zu den ersten Corona-Schwerpunktpraxen in Ulm. Zu sagen, er ist ein vielbeschäftigter Mann, wäre untertrieben. Er ist vielmehr rund um die Uhr im Einsatz: vom frühen Morgen bis in den späten Abend. Das Telefoninterview mit ihm läuft deshalb während der Fahrt in den Kurzurlaub über die Freisprechanlage seines Wagens.

Der Ulmer Arzt weiß, wie wichtig gerade niedrigschwellige Angebote im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus sind. Dass Akyürek mit seiner Arbeit so viele Menschen erreicht, liegt nicht nur an seinem Engagement und seiner zugleich hochprofessionellen wie umgänglichen Art, sondern auch an der Internationalität, die er in seinen Praxen pflegt und lebt. Gemeinsam mit den angestellten Ärztinnen und Ärzten deckt der Allgemeinmediziner bereits acht Sprachen ab: dazu gehören Türkisch, Rumänisch, Ungarisch, Englisch, Französisch, Russisch, Ukrainisch; nicht zu vergessen natürlich Deutsch und sogar Schwäbisch! "Ich bin ein richtiger Ulmer, ich bin hier aufgewachsen und habe hier studiert. Mit meinen Schwaben schwätz ich natürlich schwäbisch!", so der Mediziner, der türkische Wurzeln hat.

Eine eigene Wohnung hätte ich mir gar nicht leisten können, auch wenn ich nebenher viel gejobbt habe

 

Seine Mutter kommt aus Zentralanatolien, aus einem kleinen Dorf in Kirsehir. Sie hatte es nicht leicht in Deutschland als Alleinerziehende, hat viel gearbeitet, früh morgens im Industriegebiet Donautal und abends noch zusätzlich geputzt. Dass Bora Akyürek Medizin studiert hat, ist auch ihr zu verdanken: "Sie hat mich nach ihren Möglichkeiten immer unterstützt." Wie ungewöhnlich der Weg ist, den er unter diesen Umständen eingeschlagen hat, weiß der Hausarzt natürlich. Ein Medizinstudium ist für Menschen mit türkischem Migrationshintergrund noch längst keine Selbstverständlichkeit. Die entsprechend guten Abitur-Noten, die er für das Studium brauchte, hatte er jedenfalls. "Ich war in Ulm am Anna-Essinger-Gymnasium und habe mich schon in der Mittelstufe sehr für Naturwissenschaften und Medizin interessiert", sagt Akyürek. Dass er dann 1997 einen Studienplatz in Ulm bekam, war für ihn ein Glücksfall, denn so konnte er zuhause wohnen bleiben. "Eine eigene Wohnung hätte ich mir gar nicht leisten können, auch wenn ich nebenher viel gejobbt habe", ergänzt der Ulmer Arzt. Am Anfang seines Studiums hat der Medizinstudent mit seiner Mutter abends oft noch geputzt, später war er mehrmals Tutor an der Uni und hat Studienanfänger unterrichtet. Zu einigen Mitstudierenden von damals hat er noch engen Kontakt.

Zu Akyüreks klinischen Schwerpunkten gehörten die Innere Medizin und später die Allgemeinmedizin. Nach dem Studium war er von 2003 bis 2008 in Vollzeit als Arzt an der Donauklinik Neu-Ulm tätig, und danach hat der junge Mediziner dort noch für zwei Jahre Nachtdienste im Nebenjob gemacht. In dieser frühen Karrierephase merkt Dr. Bora Akyürek bereits, dass der Klinikalltag nicht wirklich zu ihm passt. "Die Arbeit dort ist nicht sehr familienfreundlich, und immer hat man einen Chef- oder Oberarzt über sich. Das System ist so unflexibel, da kannst du keine eigenen Ideen einbringen", kritisiert er. Deshalb wechselt er 2008 in eine Hausarztpraxis in Offenhausen und macht dort seinen Facharzt in Allgemeinmedizin. Er will Hausarzt werden und findet darin schließlich seine medizinische Berufung.

Wenn etwas ansteht, dann mach ich es einfach

Aufgezogene Spritze und Gläschen mit Substanz

2010 schließlich gründet der Mediziner seine erste Praxis in der Ulmer Innenstadt, später folgen zwei weitere Zweigpraxen in Söflingen und auf dem Eselsberg. Als Hausarzt ist man direkt im Kontakt mit den Menschen, ganz nah am Patienten, was Akyürek sehr zu schätzen weiß. Genauso wie das Gefühl der Unabhängigkeit. "Ich bin mein eigener Chef und kann eigene Ideen einfach umsetzen. Und wenn meine Praxiskolleginnen und -kollegen Verbesserungsvorschläge haben, nehme ich das auf", so der Praxisinhaber, der sich selbst als eher lockeren Chef sieht. Ein gutes Arbeitsverhältnis ist ihm auf allen Ebenen wichtig. Überhaupt hat es Dr. Bora Akyürek nicht so mit Hierarchien und dem Habitus des Mediziners als "Halbgott in Weiß". Alle in der Praxis dürfen ihn duzen. Von seiner Herkunft her aus eher einfachen Verhältnissen fühlt er sich sowieso dem normalen Volk mehr verbunden. Schickimicki und Sonderbehandlungen liegen ihm nicht. "Meine Praxis ist eher nicht für Privatpatienten geeignet", meint der athletische junge Mann und lächelt verschmitzt.

Überhaupt ist Dr. Bora Akyürek eine eher unkonventionelle Erscheinung. Die schwarzen Haare trägt er entweder ultrakurz wie auf dem Gruppenbild für seine Praxis oder auch mal Hipster-mäßig länger und mit Bart. Bei der Impfaktion im Musikclub Gleis 44 sind es die weißen Crocs, die ihn beim Aufklärungsgespräch auf der Tanzfläche als Impfarzt zu erkennen geben. So cool und locker ist er im Umgang mit den meist jungen Gästen, dass man ihn eher für einen der Clubbetreiber halten könnte, als für medizinisches Fachpersonal. Der ungewöhnliche Arzt steckt voller Energie und Tatendrang: "Ich bin ein Mensch, der nicht groß nachdenkt. Wenn etwas ansteht, dann mach ich es einfach; manchmal auch zum Leidwesen meiner Frau", gesteht Akyürek. Eine Nacht drüber schlafen, das muss reichen. Manchmal überfordert er sich und andere damit, das weiß er genau. Aber der dreifache Vater hat auch eine ganz andere Seite. Er ist ebenso diszipliniert, zielstrebig und ausdauernd. Irgendetwas anfangen und aufhören, wenn man keine Lust mehr hat, das geht gar nicht. Darin ist er sich auch einig mit seiner Frau, was die Kindererziehung betrifft. Er ist ihr übrigens sehr dankbar, dass sie sich so um die Kinder kümmert und ihm den Rücken freihält, denn er weiß, sonst könnte er das beruflich alles gar nicht stemmen.

Für alle jungen Menschen, die sich für die Medizin interessieren, hat Dr. Bora Akyürek eine ganz persönliche Botschaft: "Hausarzt ist ein toller Beruf!". Er spricht hier als jemand, der den direkten Draht zum Patienten hat und sofort helfen kann. Allerdings wurde er für sein Impfengagement auch vielfach angefeindet, seine privaten Social Media Kanäle hat er deshalb abgeschaltet. "Natürlich gibt es mal Ärger, und man ist in diesem Beruf eben auch konfrontiert mit schwerer Krankheit und Tod. Mit der Zeit habe ich aber einen guten Weg gefunden, professionell damit umzugehen", versichert der Ulmer Arzt. Für ihn ist die Allgemeinmedizin die medizinische Königsdisziplin und die Arbeit in der eigenen Hausarztpraxis noch immer sein Traum. "Wenn man es gut anstellt, kann man auch ordentliches Geld damit verdienen", ergänzt Akyürek lächelnd.

Menschliches Körpermodell

Text: Andrea Weber-Tuckermann
Fotos: Südwest Presse/Matthias Kessler, Elvira Eberhardt, ©123RF/lipysha