Wer ohne Familie aus seiner Heimat flüchtet und in einem fremden Land neu anfängt, trägt oft schwere psychische Belastungen mit sich. Das Verbundprojekt BetterCare hat untersucht, wie die psychotherapeutische Versorgung unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter in Deutschland verbessert werden kann. Die Ergebnisse der bislang größten Studie in diesem Feld sind nun im renommierten Fachjournal „The Lancet Global Health" erschienen und zeigen: Frühzeitige Diagnostik, niedrigschwellige Unterstützungsangebote und evidenzbasierte Psychotherapie können die psychische Gesundheit junger Geflüchteter wirksam verbessern. Die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm war an dem Projekt maßgeblich beteiligt. Koordiniert wurde BetterCare von der KU Eichstätt-Ingolstadt.
Mehr als 40.000 geflüchtete Kinder und Jugendliche – Stand 2024 – leben ohne ihre Eltern in Deutschland. Viele haben auf der Flucht oder in ihren Herkunftsländern schwere Gewalt, Krieg und Verfolgung erlebt. „Damit sich die Jugendlichen gesund entwickeln und erfolgreich integrieren können, ist es essentiell, dass sie ihre belastenden Erlebnisse verarbeiten können", sagt Professorin Rita Rosner, Inhaberin des Lehrstuhls für Klinische und Biologische Psychologie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, die das seit 2019 laufende, vom BMBF mit rund drei Millionen Euro geförderte Verbundprojekt leitet. Partner des Konsortiums waren neben der federführenden KU Eichstätt-Ingolstadt die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm, die Günzburger Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie II sowie das Deutsche Jugendinstitut München.
Gestufte Hilfe statt Einheitslösung
Kernidee von BetterCare ist ein gestufter Versorgungsansatz, der Behandlungsangebote passend zur jeweiligen Schwere der Symptome organisiert: Jugendliche mit milden bis moderaten Symptomen nahmen am traumapädagogischen Gruppenprogramm „Mein Weg" teil. Das Programm wurde an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm von Professorin Elisa Pfeiffer und Professor Cedric Sachser in enger Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe entwickelt. Die Gruppensitzungen fanden direkt in den Wohneinrichtungen statt und wurden von geschulten Fachkräften der Jugendhilfe durchgeführt. „Es gibt viel zu wenige Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, um die unbegleiteten jungen Geflüchteten zu versorgen. Mit unserer Verzahnung von Sozialer Arbeit und Klinischer Psychologie können wir viel mehr Betroffene erreichen", so Pfeiffer, die heute den Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie an der KU innehat und das Programm auch wissenschaftlich evaluiert hat. Jugendliche mit klinisch auffälligen Symptomen erhielten eine traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie (TF-KVT) – eine international erprobte Therapieform, die bereits in einer Vorstudie an der KU erfolgreich eingesetzt wurde.
Signifikante Verbesserung nach zwölf Monaten
Die Studie begleitete 627 unbegleitete junge Geflüchtete aus 58 Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen in sieben Bundesländern. Die Teilnehmenden waren im Schnitt 16 bis 17 Jahre alt, stammten aus 40 Herkunftsländern und berichteten im Mittel von sechs potenziell traumatischen Erlebnissen. 43 Prozent wiesen klinisch auffällige PTBS-Symptome auf, 41 Prozent Depressionssymptome und 24 Prozent Angstsymptome. Belastend war nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die aktuelle Lebenssituation – geprägt von Sorgen um Angehörige, Unsicherheiten beim Aufenthaltsstatus und sozialen Belastungen. Nach zwölf Monaten zeigte die BetterCare-Gruppe eine signifikant stärkere Verbesserung der posttraumatischen Belastungssymptome als die Kontrollgruppe in der Regelversorgung; auch depressive Symptome und Angstsymptome reduzierten sich. „Das unterstreicht den großen Nutzen einer strukturierten Diagnostik und gezielten Behandlungsempfehlung", so Studienleiterin Rosner.
Dabei zeigte sich auch: Trotz hoher Belastung nahm nur etwa die Hälfte der 139 Jugendlichen, denen Einzeltherapie angeboten wurde, das Angebot an – aufgrund fehlender Vertrautheit mit psychotherapeutischen Angeboten, möglicher Stigmatisierung oder praktischer Hürden. „Niedrigschwellige Angebote in vertrautem Umfeld können eine wichtige Brücke in weiterführende Versorgung sein", betont Pfeiffer. Viele Jugendliche empfanden es als angenehmer, in gewohnter Umgebung mit bekannten Bezugspersonen ins Gespräch zu kommen als mit einer fremden Person in einer Klinik oder Praxis. Die Jugendlichen konnten im Gruppenprogramm erste positive Erfahrungen mit traumafokussierten Unterstützungsangeboten sammeln, lernten über ihre Erlebnisse zu sprechen und Problemlösungsstrategien zu entwickeln.
Wirkung über das Projekt hinaus
Auch nach Projektabschluss wirkt BetterCare weiter: 164 Fachkräfte aus 38 Jugendhilfeeinrichtungen wurden für das Gruppenprogramm geschult. „Mein Weg“ wird in vielen Einrichtungen fortgeführt, weil sich das Konzept bewährt hat. 83 Therapeutinnen und Therapeuten bildeten sich in traumafokussierter kognitiver Verhaltenstherapie (TF-KVT) weiter. Ein kostenfreies Online-Training – ergänzt um spezifische Module zur Arbeit mit Geflüchteten, etwa zur Zusammenarbeit mit Dolmetschern in der Psychotherapie – wurde bis Anfang 2026 von rund 8.000 Personen im DACH-Raum genutzt; mehrere Hochschulen haben das Training in ihren Lehrplan übernommen. Für KU-Professorin Rosner ist BetterCare deshalb mehr als ein erfolgreiches Forschungsprojekt: „Unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse konnten in konkrete Versorgungspraxis übersetzt werden.“ Dennoch blieben strukturelle Herausforderungen bestehen. „Wir wünschen uns, dass unser wirksamer Ansatz zur Routineversorgung wird und in der Breite verankert werden kann.“
Weitere Informationen:
Prof. Dr. Elisa Pfeiffer, Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, E-Mail: elisa.pfeiffer@ku.de
Text und Medienkontakt: Dr. Petra Hemmelmann, Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, E-Mail: pressestelle@ku.de
