Er entdeckte vor 117 Jahren das erste Antibiotikum und war Mitbegründer der modernen Chemotherapie. Der Arzt und Nobelpreisträger Paul Ehrlich ist Namensgeber einer renommierten Medizin-Olympiade, die nun zum ersten Mal an der Universität Ulm stattfand. Dabei stellten 16 Teams aus Deutschland, der Schweiz und Österreich ihr Fachwissen in vier Disziplinen unter Beweis – unter Zeitdruck, vor Publikum und doch immer mit viel Spaß. Das Ulmer Team schaffte es souverän ins Finale, am Ende hatten die Studierenden der Universitätsklinik Innsbruck in der Gesamtwertung die Nase vorn.
Der Patient kann seine Hand nicht mehr ausstrecken. Für Johanna Lauterbach ist die Diagnose schnell klar: Der Nervus radialis ist eingeklemmt und muss dekomprimiert werden. Mit wenigen Schnitten legt sie den Strang frei und verschließt die Operationsnarbe wie vorgegeben mit der Donati-Naht. Übertragen wurde der simulierte operative Eingriff via Livestream vom anatomischen Präpariersaal der Universität in den Hörsaal des Trainingshospitals „ToTrainU“ (TTU), wo sich an zwei Tagen alles um Reaktionsschnelligkeit, Kombinationsvermögen und eben praktische Fertigkeiten drehte. Johanna Lauterbach ist Mitglied des Ulmer Teams, das es neben den Mannschaften aus Aachen, Berlin, Frankfurt, München und Innsbruck in die Endrunde des Paul Ehrlich Contests geschafft hat. Der Wettstreit für angehende Ärztinnen und Ärzte wurde von Professor Thomas Wirth eröffnet. „Dieser Wettbewerb verbindet mit Durchsetzungsfähigkeit, Entschlossenheit, Genialität und strategischem Geschick typische Ulmer Eigenschaften“, so der Dekan der Medizinischen Fakultät, der sich freute, dass der 11. Paul Ehrlich Contest nun erstmalig an der Donau ausgetragen wurde.
Studiendekan Professor Tobias Böckers zeigte sich bei seiner kurzen Begrüßungsansprache stolz, dass die Medizin-Olympiade in diesem Jahr „im schönsten und modernsten Studierendenhospital Deutschlands“ über die Runde geht. Das Programm war prallgefüllt. So mussten die Studierenden, die sich jeweils in fünfköpfigen Teams den Herausforderungen stellten, in den „Blickdiagnose“-Runden quasi im Bruchteil von Sekunden unter anderem CT- und MRT-Bilder deuten, ein eingeblutetes Cavernom, eine Rippenosteosynthese, chemische Symbole, Hauterkrankungen oder auch eine bereits ausgelöste Defibrillatorweste erkennen. Das Team, das am schnellsten seinen Buzzer drückte, durfte das Problem lösen und so wertvolle Punkte auf seinem Konto ansammeln. Schnell gehen musste es auch in den „Differenzialdiagnosen“-Runden, in denen die Teams die Aufgabe hatten, Befunde, Verdachtsdiagnosen und weiterführende Diagnostik sowie therapeutische Maßnahmen in nur drei Minuten zu erarbeiten.
Komplexe klinische Fälle
Herzstück der Medizin-Olympiade, die vom „Thomas Gottschalk der Medizin“ Dr. Axel Schunk von der Charité Berlin geleitet wurde, waren die Darstellungen von komplexen klinischen Fällen. So mussten die sechs Endrunden-Teams unter anderem herausfinden, an welcher Krankheit eine 44-jährige Patientin litt, die mit plötzlich auftretenden Gangstörungen in die Notaufnahme eingeliefert worden war. Zudem waren Erschöpfung, Belastungsintoleranz und Schwindel aufgetreten. Auch hier galt: Wer schnell buzzerte, durfte lösen oder mit Punkten eine zusätzliche Diagnostik „kaufen“. Dies konnte zum Beispiel der Laborbefund der Schilddrüsenhormone sein oder die Abklärung, ob eine seltene Genkrankheit vorliegt.
Für Dr. Michael Schön ist der Paul Ehrlich Contest eine sinnvolle Ergänzung zum Studienalltag. „Wie beim Leistungssport muss man auch in der Medizin viel trainieren, um eine bessere Ärztin oder ein besserer Arzt zu werden“, so der Mitarbeiter vom Institut für Anatomie und Zellbiologie, der die Veranstaltung in Ulm federführend organisiert und das Ulmer Team betreut hat. Schön bedankte sich nicht nur bei den Helfern und Tutoren, sondern auch bei der Medizinischen Fakultät für die finanzielle und auch räumliche Unterstützung. Sein Dank ging auch an seine Kollegen, die bei der Vorbereitung des Teams oder der Erstellung der Aufgaben mitwirkten. So konnte er es den Studierenden ermöglichen, dass sie sich über fast ein Jahr hinweg in einem Wahlpflichtfach sowie in freiwilligen Treffen auf die anspruchsvollen theoretischen und praktischen Übungen vorbereiten konnten. Aus dieser Studierendengruppe, die sich auch gegenseitig unterrichtete, wurde das Team rekrutiert. „Der Paul Ehrlich Contest zeichnet die Teams aus, die sich mit besonderem Fleiß, dem über das Curriculum hinaus vertieften Wissen und medizinischen Kombinationsvermögen hervorheben“, so Dr. Michael Schön. Mitmachen darf im Grunde jeder Studierende, der noch nicht im praktischen Jahr ist. „Wir sind auf jeden Fall sehr stolz, dass dieser renommierte länderübergreifende Wettbewerb in diesem Jahr an der Universität Ulm stattfinden konnte“, betonte Professor Michael Kühl, Vizepräsident für Kooperationen und designierter Präsident der Universität Ulm, bei der Eröffnung der Finalrunde.
Gute Vorbereitung auf Berufsleben
Für den Organisator Dr. Michael Schön spielte dabei der stark geforderte Teamgedanke eine elementare Rolle: „Gerade im medizinischen Alltag ist es wichtig, dass man sich gegenseitig ergänzt und jeder seine persönlichen Stärken einbringen kann.“ So sah das auch Johanna Lauterbach. Die Pforzheimerin, die an der Universität Ulm im zehnten Semester Humanmedizin studiert und später gerne in der Gynäkologie Verantwortung übernehmen möchte, vertrat ihr Team auch bei einem zweiten Praxistest. Gemeinsam mit einem Kollegen konnte sie unter Druck der Stoppuhr einen angeborenen Herzfehler eines Säuglings diagnostizieren. Das Kind war eine Übungspuppe. Die Konzentration war echt. Denn: Der Wettbewerb soll allen Beteiligten Spaß machen, jedoch auch Ehrgeiz wecken. „Jeder Fall, auch wenn er nicht gelöst wurde, diente als eine sehr gute Vorbereitung für das spätere Arbeitsleben“, so Johanna Lauterbach, die weiß, dass es dann oftmals auch darum gehen wird, Leben zu retten. Der Paul Ehrlich Contest hat seinen Beitrag dazu geleistet.
Die Ergebnisse des Paul Ehrlich Contest 2026
1. Innsbruck
2. München
3. Berlin
4. Frankfurt
5. Ulm
6. Aachen
Text: Stefan Löffler
