Wenn Menschen ernsthaft erkranken, wollen sie oftmals ergründen, welchen Platz ihre Erkrankung in ihrem Leben hat. In zahlreichen Kulturen wird eine Deutung dabei besonders häufig gewählt: Krankheit als Strafe. Mit den gesellschaftlichen, religiösen und medizinethischen Aspekten dieses Phänomens befasst sich am 30. und 31. Juli eine öffentliche Tagung. Veranstaltet wird sie vom Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universität Ulm.
Warum hat es mich getroffen? Was habe ich falsch gemacht? Ist das Gottes Strafe? Solche und ähnliche Fragen stellen sich schwer erkrankte Menschen weltweit. Zwar kann eine solche Deutung helfen, Krankheiten in das eigene Leben einzuordnen, eine Heilung aber auch behindern. Die Beiträge der Tagung „Krankheit als Strafe?“, die am 30. und 31. Juli im Barbara Mez-Starck-Haus am Oberberghof stattfindet, greifen verschiedene Aspekte dieses vielschichtigen Themenfeldes auf. Es geht unter anderem um die Sichtweise von Patientinnen und Patienten, Pflege und Seelsorge, um sogenannte Heilungskirchen und um Kindswohlgefährdung. Die Tagung findet in Kooperation mit Professorin Regina Radlbeck-Ossmann von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg statt. Die Öffentlichkeit ist herzlich eingeladen!
„Krankheit kann individuell als Strafe verstanden werden, wenn ein Mensch seine Krankheit so erlebt“, erläutert Professor Florian Steger, Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, das die Tagung organisiert hat. So könne man sich etwa fragen, ob man einen Infekt bekommen hat, weil man nicht immer ehrlich zu den Mitmenschen war. „Man kann das auch religiös deuten und die Brücke zu Gott und einer Sünde bauen – das muss aber nicht der Fall sein. Das Motiv, dass Götter Krankheiten senden und nehmen können, kennen wir seit Homer“, so Steger. Gerade, weil auch Expertinnen und Experten manche Krankheit nur schwer begründen können, ist es möglich, dass Betroffene Strafe als eine Erklärung sehen.
Wer Krankheit jedoch als Strafe versteht, hat häufig Schuldgefühle und Ängste. Begleitet werden diese von der Suche nach irrationalen Erklärungen und nach Möglichkeiten, Heilung zu erlangen, indem die Strafe gesühnt wird. „Hier können gefährliche Akteure einen Raum bekommen“, warnt der Medizinethiker: „Betroffene werden für Menschen empfänglich, die dieses Schuldempfinden nähren, daraus Profit schlagen und so kranken Erwachsenen und Kindern schaden.“ Wer sich auf Wunderheiler verlässt, verpasse wichtige Diagnostik und Therapie, wertvolle Zeit gehe verloren, das Leben gerate in Gefahr.
In diesem Zusammenhang weist Professor Steger auch auf die in Deutschland verbotenen Konversionstherapien hin, die darauf abzielen, die sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität zu ändern oder zu unterdrücken. „Dabei werden Homosexuelle in ihrer Autostigmatisierung, in ihrem Erleben, dass ihre Homosexualität eine Strafe darstellt, gestärkt. Dadurch können sie krank werden, eine Depression entwickeln oder auch suizidal werden. Deshalb ist das brandgefährlich“, so Steger. Homosexuelle Menschen brauchten vielmehr eine affirmative Therapie, die sie bestärkt und kräftigt.
Terminüberblick
Tagung „Krankheit als Strafe?“
Wann: Donnerstag, 30. Juli, ab 13 Uhr und Freitag, 31. Juli, 9 bis 14 Uhr
Wo: Barbara Mez-Starck-Haus, Seminarraum im 3. OG, Oberberghof 7, 89081 Ulm
Um Anmeldung wird gebeten: Prof. Dr. Florian Steger, Tel.: (0731) 50 39901, E-Mail: med.gte(at)uni-ulm.de
Weitere Informationen:
Prof. Dr. Florian Steger, Tel.: (0731) 50 39901, E-Mail: med.gte(at)uni-ulm.de
Professor Steger steht gerne für Interviewanfragen zur Verfügung.
Text und Medienkontakt: Christine Liebhardt
