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Pädagogen, Schüler, Pensionäre
Physiklehrerkolloquium: Dauerbrenner als Erfolgsmodell

Universität Ulm

„Der Bundestag ist mal voller, mal leerer, aber immer voller Lehrer“ – mag der Spott über das deutsche Parlament inzwischen Legende sein: Für den Physik-Hörsaal der Universität Ulm gilt er in gewisser Weise noch immer. Genauer: Seit fast drei Jahrzehnten inzwischen, vier Mal im Jahr, stets dienstags und im Wintersemester. „Physiklehrer-Kolloquium“ hieß die Veranstaltung ehedem, nun heißt sie der politischen Korrektheit geschuldet „Kolloquium für Physiklehrende“. Wenngleich sich Frauen nach wie vor rar machen in der Welt von Albert Einstein, Werner Heisenberg, Otto Hahn und anderer Koryphäen des Faches.

Doch unabhängig von der Bezeichnung: Für die Ulmer Uni ist der Dauerbrenner ein Erfolgsmodell. Spürbar einmal mehr vor kurzem, beim Auftakt zum laufenden Semester. Ziemlich dicht besetzte Klappstuhl-Reihen, versammelt sind ohne jede Sitzordnung Lehrer, Uni-Professoren und -Dozenten, Studenten, Schüler, interessierte Bürger, zumeist Pensionäre vermutlich. Ihr gemeinsamer Nenner: Die Physik schlechthin, Liebhaber der uralten Naturwissenschaft eben. Endre Kajari vom Institut für Quantenphysik spricht über „Schwere und träge Masse: Wo kommt sie her, wo geht sie hin?“. Er erläutert Begriffe, verweist auf klassische Experimente, quantenmechanische Tests und das Äquivalenzprinzip, vermittelt mit Formeln und Zeichnungen die Newton’schen Axiome, beschäftigt sich mit der Universalität des freien Falls. Zwischendurch ein gedanklicher Abstecher nach Bremen, zum berühmten Fallturm für physikalische Experimente im Zentrum für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation (ZARM), unterlegt mit einem Film über einen Kapselabwurf.

Konzentriert verfolgt auf den Rängen, manche Hörer schreiben mit, einige beschränken sich auf gelegentliche Notizen. Danach: Geduldig beantwortet Kajari Fragen, leitet noch mit einzelnen Schülern an der Tafel Formeln her. „Ich hoffe, dass der Vortrag auch für Schüler verständlich ist“, hatte er eingangs einfließen lassen, präventiv sozusagen mit Blick auf die jüngsten Gesichter im Halbdunkel des Hörsaals.

„Grundzüge konnten wir nachvollziehen, Details aber sind für uns noch im Dunkeln“, bekunden Felix und Stella Wahlke, mit weiteren interessierten Schülern im Gefolge von Karl-Heinz Aschenbrenner, Oberstudienrat am Ludwig-Uhland-Gymnasium in Kirchheim/Teck, für Mathematik, Physik und Astronomie, seit vier Jahren regelmäßig Gast beim Kolloquium. „Ich will mich so auf dem Laufenden halten“, sagt der Pädagoge, der einst an gleicher Stelle studiert hat. „Damals gab es hier nicht viel mehr als diesen Hörsaal.“

Viele Hörer seien Stammgäste, beheimatet im Umkreis von bis zu 80 Kilometern, „stets präsent, stellen Fragen und diskutieren mit“, weiß Professor Matthias Freyberger, der das Kolloquium seit 2005 organisiert, in dritter Professoren-Generation quasi nach Olaf Weis und Hartmut Jex, letzterer auch nach seiner Pensionierung vor fünf Jahren weiter regelmäßig an der Uni und, natürlich, unverändert interessiert am Fortgang der Veranstaltung. Zu der Schulen mitunter auch per Bus angereist seien, wie sich Jex erinnert.

Wobei sich das Interesse gemeinhin stark am jeweiligen Thema orientiere, so der frühere und der heutige Organisator unisono. Die Themenwahl freilich sei noch nie ein Problem gewesen. „Wir bemühen uns um eine interessante Mischung aus Grundlagenwissen für die Lehrkräfte und aktuellen Fragen mit physikalischem Hintergrund“, erklärt Freyberger. Nobelpreis-geadelte Erkenntnisse zum Beispiel, aktuelle Ereignisse wie die Inbetriebnahme der Teilchen-Röhre bei Genf oder kontrovers beurteilte politische Fragen wie die Endlagerung des Atommülls.

„Wir berücksichtigen aber auch Themenwünsche aus der Hörerschaft“, berichtet Professor Freyberger und ab und an verbinde sich das Thema eben mit dem jeweiligen Referenten, etwa bei der Vorstellung neu berufener Kollegen. Fast ausschließlich rekrutierten sich die Protagonisten des Spätnachmittags übrigens aus dem eigenen Haus, alleinige Ausnahme im laufenden Semester sei der Ulmer Hochschul-Professor Thomas Raiber („Radioaktivität in Natur und Technik“). „Sie zu motivieren, war noch nie schwierig“, freut sich Matthias Freyberger, „dabei läuft das ganze Programm absolut ehrenamtlich“. Kein Vortragshonorar also, keine Deputatsanrechnung, der Beifall des Auditoriums ersetzt den Blumenstrauß. „Unser Etat ist gleich Null“, lacht der Ulmer Physiker. Profitieren könnten dagegen die Lehrkräfte unter den Hörern: Von den Regierungspräsidien Stuttgart und Tübingen wird das Kolloquium als Fortbildung empfohlen.

Durch eine Teilnahme künftig verstärkt gewinnen sollen die Physik- Lehramtskandidaten der Uni, wünscht sich Professor Peter Reineker. Von einer „sehr wertvollen Ergänzung des Studiums“ spricht der pensionierte Wissenschaftler, ausgestattet mit einer Seniorprofessur der Heraeus-Stiftung derzeit beauftragt, die Physiklehrer-Ausbildung in Ulm neu auszurichten. Womit sich für manche Interessenten der Kreis irgendwann schließen könnte, vom Hören im Studium zum Hören als Fortbildung eben. Für einige auch weit über das Berufsleben hinaus.

Kolloquium für Physiklehrende

Von Willi Baur und Annika Bingmann